Erinnern und Vergessen

24. April 2015

Die vom Verein der Freunde der Universität Mainz e.V. im Jahr 2000 ins Leben gerufene Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur geht in die 16. Saison: Aleida und Jan Assmann widmen sich in ihrer Vorlesungsreihe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) dem Thema "Erinnern und Vergessen – Zur Konstruktion von Vergangenheitshorizonten". Die Kulturwissenschaftler werden im Sommersemester 2015 gemeinsam mit hochkarätigen Gästen verschiedenste Aspekte der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung diskutieren.
 

Der größte Hörsaal auf dem Gutenberg-Campus ist voll. "Ich hatte es Ihnen versprochen", meint Prof. Dr. Georg Krausch zur Begrüßung. Der Universitätspräsident schaut hinüber zu den beiden Gästen. "Sie stoßen hier auf großes Interesse."

Die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur ist 2015 mit einem gemischten Doppel besetzt: Prof. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann und Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann sind aus Konstanz angereist, um an zehn Abenden über "Erinnern und Vergessen – Zur Konstruktion von Vergangenheitshorizonten" zu sprechen. Im Mittelpunkt wird der Begriff stehen, den das Ehepaar mit seiner Forschung geprägt hat und der längst zu einer wichtigen Größe in den Kulturwissenschaften geworden ist: das kulturelle Gedächtnis.

Wunderbare Herausforderung

"Es ist eine wunderbare Herausforderung, unser Thema so zu vermitteln, dass wir es selbst verstehen", sagt Aleida Assmann nicht ohne Selbstironie vor dem Auftakt der Reihe im Hörsaal RW 1. Für diese Herausforderung haben sich die beiden Kulturwissenschaftler drei Gäste eingeladen, die im Laufe des Sommersemesters ihren Teil zur Vorlesungsreihe beitragen werden. "Es lag uns sehr am Herzen, dass wir Fachleute für die Aspekte hinzuholen, mit denen wir uns nicht so gut auskennen", sagt Jan Assmann. "Wir haben einen Dichter dabei, einen Historiker und eine Neurowissenschaftlerin."

Zur Eröffnung aber reden die beiden selbst. Sie gehen ihr Thema von zwei sehr unterschiedlichen Punkten an, um sich am Ende doch zu treffen. Die Literaturwissenschaftlerin und der Ägyptologe spannen jeder einen eigenen, sehr weiten Bogen.

Aleida Assmanns Vortrag führt von Jakob Burckhardt über Friedrich Nietzsche zu Walter Benjamin. "Wir möchten gern die Welle kennen, auf der wir im Ozean treiben, allein wir sind die Welle selbst", zitiert sie den Schweizer Kulturhistoriker Burckhardt. Der hatte 1867 die Französische Revolution im Blick. Die Epoche lag knapp ein Jahrhundert zurück. "An dieser Schwelle rutscht ein Ereignis aus der persönlichen Kommunikation und wird allmählich Geschichte", sagt Assmann.

Kulturelles Gedächtnis

Damit hat sie zwei wichtige Termini angedeutet: Eine Gesellschaft bewahrt Ereignisse, die bis zu ungefähr 80 Jahre zurückliegen, in ihrem kommunikativen Gedächtnis. Zeitzeugen reden darüber, die Dinge sind noch recht nah. Danach gehen sie allmählich ins kulturelle Gedächtnis über. "Ein Ereignis, das nicht mehr Gegenstand lebendiger Erinnerung ist, wird Gegenstand der Geschichte", konstatiert Aleida Assmann.

Doch dieser historische Gegenstand ist nichts, was die Menschen von einem festen Standort aus immer gleich betrachten. Sie selbst sind ja Welle, sie haben keinen festen Standpunkt. Nach Burckhardt gibt es für sie keinen Blick auf das Ganze der Geschichte. Sie wählen aus, gewichten unterschiedlich und vergessen. Sie konstruieren sich ihren Vergangenheitshorizont.

Nietzsche geht einen Schritt weiter: Erinnerung habe Geschichtsschreibung zu steuern, sagt er. Es gehe darum, das Erinnerte nach den Bedürfnissen der Gegenwart zu formen. Geschichtsschreibung sei der Versuch, sich im Nachhinein "eine Vergangenheit zu geben, aus der man stammen möchte im Gegensatz zu der, aus der man stammt". Assmann sieht das durchaus nicht unproblematisch: Leicht werde zu viel vergessen.

Impulse der Vergangenheit

Nietzsche wertet die Rolle der Erinnerung für die Geschichte auf. Walter Benjamin stellt das überkommene Geschichtsmodell auf den Kopf. Dieses Modell lässt sich als Linie skizzieren, die auf eine Zukunft, auf einen Endzweck ausgerichtet ist. "Das Geschichtsmodell trägt auch den Namen Fortschritt", sagt Assmann. Für diesen Fortschritt gelte es, Opfer zu bringen. Dieses Modell hat seinen eng verwandten christlichen Vorgänger abgelöst. Auch dort ging es um einen Endzweck, allerdings einen religiösen.

Benjamin brachte ein Wende. "Er suchte die Vergangenheit nach den Signalen einer noch unerlösten Zukunft ab." Er schaute auf die Opfer in der Geschichte, auf geknechtete Vorfahren, die einen Impuls geben zu einer Revolution der Unterdrückten. "Anstelle des Zukunftshorizonts tritt der Vergangenheitshorizont. Ethische Impulse kommen nicht mehr aus der Zukunft, sondern aus der Vergangenheit."

Jan Assman führt in die Vergangenheit. Er präsentiert ein ägyptisches Relief. Ein Mann schaut nach vorn. "Er hat die Vergangenheit vor Augen, die Zukunft im Rücken." Das ist das Geschichtsbild der alten Babylonier und Ägypter. "Das Abreißen der Kette, die sie mit dem Ursprung verbindet, wäre eine Katastrophe gewesen." Diese Kette bestand aus der ununterbrochenen Abfolge der jeweiligen Herrscher. "Die Geschichte konnte mit Königslisten bis zur Schöpfung ausgemessen werden."

Babylon, Bibel, BRD

Diese Listen dienten der Kontinuität und der Legitimität. Ähnliches findet sich in der Bibel, allerdings mit einer Neuerung: "Die ganze Zeit von der Schöpfung bis zur Gegenwart wird im Medium der Erzählung behandelt." Hier geht es nicht mehr nur um Kontinuität und Legitimität, sondern um Sinn und Bedeutung. "Nur in dieser Form wird die Vergangenheit als die eigene erfasst und mit Sinn erfüllt." Die Vergangenheit wird zur Erzählung und die Erzählung formt die Gemeinschaft.

Von hier führt Assmann das Publikum im Hörsaal RW1 über das biblische Motiv des Exodus bis zur Hinterfragung der biblischen Schöpfungsgeschichte durch die moderne Wissenschaft. Er kommt in der Gegenwart an und streift Regime, die in ihrem Sendungsbewusstsein bestrebt sind, Tabula rasa zu machen, die Spuren einer Vergangenheit ausradieren, die den eigenen totalitären Anspruch bedrohen könnten. Assmann führt die Zerstörung der Nationalbibliothek von Sarajevo an, die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan und das Wüten des Islamischen Staates.

Zuletzt landet der Ägyptologe in der Bundesrepublik und bei einem außergewöhnlichen Umgang mit der Vergangenheit. Der Holocaust habe die deutsche Gesellschaft geprägt. Der Vergangenheitshorizont sei ein ganz besonderer, denn er sei mit dem Anspruch verbunden, niemals in Vergessenheit geraten zu dürfen. "Das ist ein Ruf, der im Sinn von Walter Benjamin ganz von der Vergangenheit ausgeht", schließt Jan Assmann den ersten Vorlesungsabend. Am kommenden Dienstag geht es um "Die Erfindung des Altertums: Schrift, Kanon und Vergangenheit".