Die Erfindung des Altertums

2. Mai 2015

Wie wurde aus mündlichen Überlieferungen ein schriftliches Erinnern – und wie änderte sich die Überlieferung in diesem Prozess? Dieser Frage widmete sich Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann am zweiten Abend der Vorlesungsreihe "Erinnern und Vergessen – Zur Konstruktion von Vergangenheitshorizonten". Mit seiner Frau, Prof. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann ist der Kulturwissenschaftler als Inhaber der 16. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) zu Gast.
 

"Die Rolle der Schrift kann gar nicht überschätzt werden. Die Vergangenheit richtet mit der Schrift wie mit einer Flaschenpost Botschaften an uns", sagt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann. Er führt seine Zuhörerinnen und Zuhörer an jene Orte der Geschichte, an denen Schrift zuerst entstand: Die Reise geht nach Mesopotamien und Ägypten, zu den "Inseln der Schriftlichkeit".

Jan Assmann und seine Frau, Prof. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann, teilen sich die 16. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur des Vereins der Freunde der Universität Mainz. Für ihre Vorlesungsreihe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz haben die beiden Kulturwissenschaftler den Titel "Erinnern und Vergessen – Zur Konstruktion von Vergangenheitshorizonten" gewählt. Am zweiten Abend geht es um "Die Erfindung des Altertums: Schrift, Kanon und Vergangenheit". Hier ist der Ägyptologe und Archäologe Jan Assmann gefragt – seine Frau überlässt ihm vorübergehend die Regie. Sie wird den dritten Abend bestreiten.

Schrift als Prothese

Manche Vergangenheitshorizonte sind recht nah. Die Ereignisse sind noch im Gedächtnis der Lebenden, die davon erzählen. So entsteht das "kommunikative Gedächtnis" einer Gesellschaft, das 80 bis 100 Jahre zurückreicht. Daneben aber gibt es das "kulturelle Gedächtnis": Vergangenheitshorizonte können entschieden weiter zurückreichen. Diese Horizonte werden gebildet von Mythen, Bildern und Geschichten.

"Welche Rolle hat hier nun die Erfindung und Anwendung der Schrift gespielt?", fragt Assmann. Eine erste Antwort gibt er gleich: "Sprache ist unsichtbar und flüchtig, auch räumlich reicht sie nicht weit. Schrift aber macht das Unsichtbare sichtbar, sie verstetigt das Flüchtige und verbreitet das Lokale."

"Der geistig-symbolische Raum des Menschlichen ist nicht nur von Schriftzeichen erfüllt, sondern auch von visuellen Zeichen besetzt." Felsbilder, Petroglyphen und Höhlenbilder halfen schon in der frühen Geschichte, das Vergangene festzuhalten. "Insofern sind sie Vorläufer der Schrift."

Sprachschriften im engeren Sinn gibt es seit 5.000 bis 6.000 Jahren. Sie dienten der Kommunikation und der Speicherung. "Schrift diente als Prothese für ein Gedächtnis, das so weit nicht dringt, das so viel Disparates nicht aufnehmen kann." In Mesopotamien wurde Schrift zur Buchhaltung eingesetzt, zur Fixierung, Berechnung und Beurkundung von Besitz- und Abgabenverhältnissen.

Buchhaltung und Kultur

"Es dauerte eine Reihe von Jahrhunderten, bis Schrift sich auf andere Bereiche ausdehnte." Das geschah in Ägypten. Auch hier war Schrift ein Mittel der Buchhaltung. Darüber hinaus aber wurde sie im ersten großräumigen Zentralstaat der Menschheitsgeschichte zum Mittel der politischen Repräsentation und sie spielte im Kult, besonders in der Grabkultur, eine große Rolle.

"Mit der Grabkultur wird der Kern gelegt für eine beispiellose Fixierung des Flüchtigen. Damals entstand das, was uns heute so selbstverständlich erscheint: die Assoziation von Schrift und Unsterblichkeit. Wir sind alle Erben dieses initialen Vorstoßes." Die Totenliteratur erblühte, Rezitationstexte schmückten die Grabkammern der Könige. "Das Jenseits wurde verstanden als sozialer Raum, in den sich ein Verstorbener eingliedern wollte."

Lange stieß die Schrift nicht in den Kernbereich der Kultur vor: das kulturelle Gedächtnis. "Das ist das Wissen, über das man verfügen muss, um dazuzugehören, Mitglied zu werden in einem Bindungsgefüge." Den frühen Kulturen aber schien dieses Wissen viel besser in der mündlichen Überlieferung aufgehoben. "Schrift war ja erfunden worden, um das nicht Einprägsame festzuhalten. Die Verschriftlichung des kulturellen Gedächtnisses wurde erst nicht für notwendig erachtet."

Das änderte sich mit Homer und mit den frühen Schriften der Bibel – mit der Geburtsstunde der Literatur. "Mit der Schrift kommt es zum Wandel des kulturellen Gedächtnisses." Es entsteht eine Unterscheidung, die es zuvor nicht gab: "Die Kultur wird zweisprachig." Auf der einen Seite stehen die Alltagstexte, auf der anderen die klassische Sprache. "Das lässt sich in allen Schriftkulturen beobachten."

Kanon und Archiv

Nun wird das Altertum erfunden. "Das Altertum setzt die Erfahrung eines Bruchs voraus." In der alten Welt gab es diesen Bruch zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert vor Christus mit dem Wechsel von der Bronze- zur Eisenzeit. "Das Altertum ist unwiederbringlich vergangen, es ist abgeschlossen. Es lässt sich nicht fortsetzen, aber wiederbeleben." Ein Uranfang wird erinnert, auf dessen Fundament man etwas Neues errichten kann. "Es entwickelte sich ein Altertumsstolz."

Mit dem Vordringen der Schrift in den Bereich des kulturellen Gedächtnisses entsteht nicht nur eine Zweisprachigkeit. "Es ist eben nicht so, dass man das, was vorher mündlich überliefert wurde, jetzt schriftlich festhielt, sondern es wird jetzt etwas Neues festgehalten." Vom Barden der alten Zeiten erwartete das Publikum das Tradierte, vom Autor aber das Neue.

Es kam zu einer Ausdifferenzierung der Überlieferung in ein Zentrum und eine Peripherie. "Durch die schriftliche Überlieferung wird das kulturelle Gedächtnis komplex und gliedert sich in einen Vor- und einen Hintergrund, einen Kanon und ein Archiv." Der Kanon ist verbindlich, das Archiv nicht.

Die Texte im Zentrum der Überlieferung aber waren wertvoll, sie mussten gepflegt und vor Veränderungen bewahrt werden. Auch das war neu: Mündliche Überlieferung unterlag dem Wandel, nun aber werden Texte festgeschrieben. Dafür entsteht daneben die Exegese, die Auslegung, die sich wandeln darf und muss.

Neue Gedächtniskultur

"Der Kanon wurde zum Erfolgsrezept neuer Religionen." Aber auch im säkularen Bereich spielte er eine beherrschende Rolle. In Alexandrien entstand ein Kanon der Literatur des Altertums. Es wurde unterschieden zwischen den "zu behandelnden" Autoren und den vernachlässigbaren. "Der Kanon wirkt wie ein Scheinwerfer, der innerhalb des kulturellen Gedächtnisraums einen Bereich ausleuchtet und dadurch die anderen verdunkelt."

Damit kehrt Assmann aus der Vergangenheit zurück. "Das Abendland ruht auf dem Doppelkanon der Bibel und der griechischen Klassiker", sagt er – und: "Erst durch die Kanonisierung und die Kommentierung ist Homer unsterblich geworden." Denn diese Praxis erlaubt es, alte Texte heute noch in ihrer frühen Gestalt zu erleben und sich ihnen gleichzeitig über die Kommentierung, die Auslegung, zu nähern.

"Mit dieser Möglichkeit des verstehenden Rückbezugs entstand etwas von Grund auf Neues. Die Auslegungskultur ist eine neue Gedächtniskultur."