"Wir wollen eine Tür aufstoßen, nicht polarisieren"

5. Mai 2015

Studierende des Historischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) zeigen noch bis zum 21. Mai 2015 eine Ausstellung zu einem brisanten Thema: Es geht um die massenweise Ermordung von Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs. Zum 100. Jahrestag der Armeniergräuel stellen sie auch dar, welch ambivalente Rolle das Deutsche Reich und seine Repräsentanten damals spielten.
 

Am 24. April 1915 begann es: 235 Angehörige der armenischen Elite wurden in Istanbul verhaftet. Zugleich organisierten die jungtürkischen Machthaber die massenhafte Deportation von Armeniern aus Ostanatolien und Kilikien. Männer wurden erschossen, Frauen und Kinder starben auf Märschen bis in die syrische Wüste. Im Sommer 1916 erreichte der Vernichtungsprozess seinen Höhepunkt: Die in die syrische Wüste deportierten Menschen wurden zu Hunderttausenden ermordet.

Es fehlte ein Begriff für das, was da passierte. Das Grauen brauchte einen Namen: Die Zeitgenossen sprachen entsetzt von den "Armenier-Greueln".

"Am Ende des Ersten Weltkriegs hatten über eine Million Armenier ihr Leben verloren“, informiert ein Plakat. Dieser Satz steht nicht etwa in Großbuchstaben oder als auffällige Schlagzeile dort. Er ist Teil eines nüchtern bilanzierenden Texts.

Zwölf Poster im Durchgang

Das Plakat ist Teil der Ausstellung "Eine 'innertürkische Verwaltungsangelegenheit'? Osmanisch-deutsche Verflechtungen und die 'Armenier-Greuel' im Ersten Weltkrieg", die anlässlich eines traurigen Jubiläums eröffnet wurde: Der Massenmord an den Armeniern jährt sich im Frühjahr 2015 zum 100. Mal.

Wer im Philosophicum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz lernt oder lehrt, kommt an dieser Ausstellung kaum vorbei. Im Parterre, kurz hinter den Milchglasscheiben der Bereichsbibliothek, direkt im zentralen Durchgangsflur, stehen die zwölf Poster, die über die Armeniergräuel informieren. Viele der Vorbeilaufenden bleiben stehen – zumindest kurz: "Was ist denn das hier?", fragt eine Studentin. Dann schaut sie genauer hin. "Ach ja, Armenien ..."

"Genau das war unsere Absicht", sagt Dr. Andreas Frings vom Historischen Seminar der JGU. Gemeinsam mit elf Studierenden hat er die Ausstellung in einem Lehrprojekt erarbeitet. Zwei der Studierenden stehen nun mit ihm vor den Plakaten, um von dieser Arbeit zu erzählen.

"Wir wollten mehr bieten als nur eine Homepage oder nur eine Vortragsreihe", ergänzt Yannick Weber. "Wir wollten viele Leute erreichen. Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, wie wir vorgehen sollen." – "Wir haben uns überlegt, welche Art von Kritik es geben kann, wen man verletzen könnte", ergänzt Frings. "Denn wir wollen eine Tür aufstoßen, nicht polarisieren. Wir möchten eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen anstoßen."

Begriffsstreit versperrt Zugang

Immer wieder ist im Zusammenhang mit den Armeniergräueln von Völkermord die Rede. Jüngst gebrauchte Bundespräsident Joachim Gauck diesen Begriff. Das Außenministerium in Ankara reagierte heftig: "Das türkische Volk wird dem deutschen Präsidenten Gauck seine Aussagen nicht vergessen und nicht verzeihen", gab es bekannt.

Schon die Begrifflichkeit ist längst zu einem Minenfeld geworden, das den Zugang zu den eigentlichen Ereignissen versperrt. "Deswegen haben wir den zeitgenössischen Begriff 'Armenier-Greuel' im Titel benutzt", sagt Judith Perisic. "Ich finde, er drückt das Unfassbare gut aus. Und wir haben ihn immer wieder gefunden, auch in den Reichstagsakten", berichtet die Studentin.

Der besondere Blickwinkel der Ausstellung ist ebenfalls mit Bedacht gewählt: Es geht um "osmanisch-deutsche Verflechtungen". Die gab es auf vielen Ebenen. Einfache Schuldzuweisungen oder platte Schwarzweißmalerei waren für die Studierenden um Frings kein Thema.

Bereits die allererste Illustration der ersten Ausstellungstafel deutet an, worum es geht: Auf einer zeitgenössischen Postkarte sind Kaiser Wilhelm II., Sultan Mehmed V. und Franz-Joseph I. zu sehen. Hinter ihnen wehen die Nationalflaggen des Deutschen Reichs, des Osmanischen Reichs und Österreich-Ungarns. Darunter prangt der Schriftzug: "Im Kampf vereint!"

Schweigen fürs Bündnis

Ergänzt wird dieses Bild durch ein Zitat des deutschen Kriegspresseamts von 1915: "Über die Armenier-Greuel ist folgendes zu sagen: Unsere freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei dürfen durch diese innertürkische Verwaltungsangelegenheit nicht nur nicht gefährdet, sondern im gegenwärtigen, schwierigen Augenblick nicht einmal geprüft werden. Deshalb ist es einstweilen Pflicht, zu schweigen ..."

"Wir haben uns im Vorfeld über viele Dinge Gedanken gemacht", erzählt Perisic. Die Frage, mit welchen grafischen Mitteln zu arbeiten sei, wenn es um solch schreckliche Vorgänge geht, nahm einigen Raum ein. Zurückhaltung wurde zur Devise – auch inhaltlich. "Wir haben eher tastend gearbeitet, nicht so sehr fordernd", sagt Frings.

Jeder Studierende nahm sich einer Facette des Themas an und gestaltete dazu ein Poster. So arbeitete Weber zur deutschen Diplomatie im Osmanischen Reich. Er stellte fest: "Es gab viele deutsche Konsuln gerade in den Gebieten, durch die die Deportationszüge führten." Sie seien gut über die Vorgänge informiert gewesen. Manch einer organisierte humanitäre Hilfe und viele protestierten. Doch Reichskanzler Bethmann Hollweg weigerte sich, die Türken unter Druck zu setzen: Man wollte die Osmanen im Weltkrieg als Verbündete halten.

Weitere Türen aufstoßen

Perisic nahm eine einzelne Person in den Blick: den deutschen Offizier Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg. Im Dienst der 4. Türkischen Armee schlug er 1915 den Aufstand im Armenierviertel von Urfa nieder. Davon berichtete er seinem Vater und seiner Frau in Briefen. Zur Niederschlagung selbst stand Wolffskeel, diese militärische Aktion bereitete ihm keine Kopfschmerzen. Die nachfolgenden Deportationen jedoch kritisierte er.

Die kleine Ausstellung bietet einiges: Neben einem historischen Abriss haben die Studierenden Material zu Militär und Wirtschaft, zur Vorgeschichte, zur öffentlichen Reaktion und zum Nachklang bis heute zusammengetragen. Auf der die Ausstellung begleitenden Homepage werden diese Aspekte noch vertieft.

"Wir wollten aber auch Facetten mit einbeziehen, die wir hier nicht unterbringen konnten", meint Weber mit Blick auf die zwölf Poster. "Deswegen haben wir eine Vorlesungsreihe organisiert. Im Laufe des Sommersemesters kommen großartige Forscherinnen und Forscher", wirbt er. Es gilt, weitere Türen aufzustoßen.