Von den Leiden des Dichters an der Erinnerung

4. Juni 2015

Für sein Romandebüt "Kruso" erntete Lutz Seiler viel Lob. Unter anderem wurde das Werk 2014 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Als Gast der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessoren Aleida und Jan Assmann erzählt der Autor in der Vorlesungsreihe "Erinnern und Vergessen – Zur Konstruktion von Vergangenheitshorizonten" von den Schwierigkeiten des Schreibens und des Erinnerns.
 

Die Einführung des Gastes fällt herzlich aus. Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann lobt den Poeten Lutz Seiler, seine "Liebe zum Detail und zu den Dingen". Er hebt dessen großen Roman "Kruso" hervor. "Oft ist in unserer Vorlesungsreihe deutlich geworden, wie eng Erzählen und Erinnern zusammenhängen", meint Assmann. Genau davon berichtet der Dichter im größten Hörsaal der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). "Die nassen Ränder seiner sowjetischen Hosenbeine", hat der 51-jährige Autor seinen Vortrag genannt, "Eingangsbilder ins Erzählen vergangener Zeit".

2011 kam Seiler als Stipendiat in die römische Villa Massimo. Das Haus bietet Künstlern verschiedenster Couleur Raum und Zeit für ihre Arbeit. "Alles, was ich wollte, war schreiben", erinnert sich der Autor. Ein Roman sollte entstehen "im römischen Licht mit Ausblick auf Zypressen".

Ein Roman verweigert sich

Doch schon das riesige Arbeitszimmer machte Seiler zu schaffen. Es war ursprünglich als Atelier für Bildhauer eingerichtet worden. "Für Bildhauer wie vor 100 Jahren wohlgemerkt, Bildhauer, die auch Reiterstatuen machten." In der Weite des Raums war an Schreiben nicht zu denken. "Am Ende saß ich hinter einem Schrank und versuchte Rom zu ignorieren." Das Material zum geplanten Roman wartete in 14 Umzugskisten. Auch daran sollte er scheitern.

Mit der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur holen die Freunde der Universität Mainz e.V. Jahr für Jahr prominente Persönlichkeiten auf den Campus, die in einer Vorlesungsreihe bedeutende Forschungsfelder beleuchten und sich dazu allerlei Gäste einladen. Ein Schwerpunkt dieser Reihe liegt auf der Interdisziplinarität: Die Inhaber der Professur sollen über den Tellerrand ihres jeweiligen Fachs hinausschauen. Das haben die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Dr. Aleida Assmann und ihr Mann, der Ägyptologe und Archäologe Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann, besonders beherzigt. Nach der Neurobiologin Prof. Dr. Hannah Monyer begrüßen sie nun einen Dichter, der zu ihrem großen Thema "Erinnern und Vergessen" einiges zu sagen weiß.

"Der Roman verweigerte sich – und zwar grundsätzlich", erzählt Seiler. "Schon am Morgen starrte ich mit müden Augen auf weißes Papier." Besonders verhasst waren ihm die elektrischen Heckenscheren der Gärtner und ihr traktorähnlicher Rasenmäher. Sie lärmten gewaltig.

Eine Rakete zündet nicht

Der Kern des Problems aber schlummerte in jenen 14 Kisten, die Material für den Roman bereithielten. Das Buch sollte vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung im Jahr 1989 spielen, ohne gleich ein Wenderoman zu werden. Seiler hatte Zeitzeugeninterviews geführt, er hatte zu abseitigsten Details recherchiert oder recherchieren lassen: zur Russenmafia, zu den Diensthunden, die an der deutsch-deutschen Grenze wachten und zum Auto des Vaters.

Ein fester Plan lag bereit. "Heute würde ich meine damalige Methode mit einer dreistufigen russischen Trägerrakete vergleichen. Erste Stufe: Rekonstruktion und Vergegenwärtigungsarbeit." Darauf sollte die literarische Umformung folgen – und dann: "Zünden der literarischen Highlights. So dachte ich, doch es funktionierte nicht."

Mit viel Selbstironie und fein formuliertem Witz erzählt Seiler von seinen Nöten. Selten ist bei einer Stiftungsprofessur so viel gelacht worden.

Das Erinnern wurde dem Autor ein Klotz am Bein. "Die Faszination des Faktischen wirkte, ergab aber keinen Sinn für mein Schreiben. Das Vergangenheitsmaterial absorbierte mich." Seiler litt unter Angstzuständen. "Was folgte, war die Entfaltung des ganzen Spektrums meiner hypochondrischen Möglichkeiten."

Der Sohn hilft aus

Aus dieser Sackgasse holte ihn sein Sohn, der mittlerweile in einer italienischen Fußballmannschaft angemeldet war. Der Vater kam hinter seinem Schrank hervor und karrte den Sprössling von Spiel zu Spiel. Eine unerwartete Topografie tat sich auf. "Es war, als würde vom Rom der Fußballplätze her dem Arbeitsfeld meines Schreibens etwas ins Ohr geflüstert."

Seiler wandte sich einer Geschichte um Hiddensee zu, die eigentlich nur zehn Seiten des geplanten Romans ausmachen sollte. "Aus den zehn Seiten wurden 500." Am 27. Mai hatte er ein Bild vor Augen: "Ein General am Strand der Ostsee. Krusos Vater bei der Heimholung seines Sohnes." Dem russischen General schwappt das Salzwasser der Ostsee um die Knöchel.

"Das war ein Bild, das die ganze Geschichte enthielt", erinnert sich Seiler, "ein Portal, durch das ich eintreten konnte in den Roman." Es war wertvoller als all die gesammelten Materialien. "Für das Bild vom General musste ich meine Erinnerungen bis zu einem gewissen Grad vergessen."

Ein Ende mit nasser Hose

Am Ende liest Seiler noch die Passage aus "Kruso", in der dieses Bild erscheint. Die Zeit des ungleichen Freundespaars Ed und Kruso auf der so zeitlos scheinenden Ostseeinsel Hiddensee ist vorbei – genau wie die Zeit der DDR in diesem Herbst 1989. Krusos Vater ist gekommen, um seinen sterbenden Sohn mit einem Panzerkreuzer abzuholen. "Die nassen Ränder seiner sowjetischen Hosenbeine – in diesem Bild blieb die Erzählung stehen."

Aleida und Jan Assmann zeigen sich begeistert vom Vortrag. "Herzlichen Dank für diese Reise durch das Making of von 'Kruso'. Es gibt nichts Unterhaltsameres, als die Geschichte eines Scheiterns vom sicheren Ende des Erfolgs aus zu hören", so die Stiftungsprofessorin. Der anhaltende Applaus im Hörsaal gibt ihr Recht. Seiler hat seinen ganz eigenen, poetischen und höchst amüsanten Zugang zu "Erinnern und Vergessen" gefunden.