Narrative Medizin für Mainz

19. Dezember 2015

Prof. Dr. Dr. Rita Charon, die Begründerin der narrativen Medizin, sprach auf Einladung des Graduiertenkollegs "Life Sciences, Life Writing" an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) über ihre Arbeit. Die praktizierende Internistin begann in den 1990er-Jahren, Englisch zu studieren, weil sie ahnte, welch zentrale Rolle die Geschichten spielen, die ihre Patienten zu erzählen haben. Aus diesem Grundgedanken entwickelte sie am Columbia University College of Physicians and Surgeons ihre "Narrative Medicine".
 

Sie saß im Museum auf dem Boden vor einem Bild des Malers Mark Rothko. "Dieses Gemälde hat keine Handlung, es zeigt keine Gegenstände, nur schwebende Rechtecke", erzählt Prof. Dr. Dr. Rita Charon. Die obere Hälfte ist blau gehalten. Sie wirkt ein wenig wie ein Himmel. Darunter findet sich eine Fläche in schmutzigem Grün, die ein braunes Viereck umschließt. "Die einzige Möglichkeit, dieses Gemälde zu betrachten, ist, es als Ganzes zu erfassen. Merken Sie, wie die Rechtecke sich nach und nach verändern, wie das Grün brauner wird?"

Lächelnd schaut Charon zu ihrem Publikum im Anatomie-Hörsaal der JGU. "Zugegeben, Rothkos Kunst ist nicht jedermanns Sache, aber bei mir macht sie viele Aspekte bewusst, wie wir in der Welt sein können."

Das Gemälde des amerikanischen Künstlers wird zum Sinnbild von Charons besonderer Art, mit ihren Patienten umzugehen. In ihrer narrativen Medizin will die Ärztin den Menschen und sein Umfeld als Ganzes wahrnehmen, als integrierte Persönlichkeit, und nicht nur als klinischen Fall. Sie hört sich seine Geschichte an – und die seiner Nächsten: Mit der "Narrative Medicine" eröffnen sich neue Sichtweisen, die sowohl die Patienten als auch die Arbeit der Mediziner verändern.

Spagat zwischen Medizin und Philologie

Charon kam auf Einladung des Graduiertenkollegs "Life Sciences, Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung" an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Kolleg wagt den Spagat zwischen naturwissenschaftlich-medizinischer und geisteswissenschaftlicher Sphäre.

Die beiden Sprecher des Graduiertenkollegs, Prof. Norbert W. Paul, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universitätsmedizin Mainz, und Prof. Mita Banerjee aus dem Forschungs- und Lehrbereich Amerikanistik der JGU, begrüßten mit Charon eine prominente Medizinerin und Philologin, die genau diesen Spagat am Columbia University College of Physicians and Surgeons vollzogen hat. Davon wollte sie in ihrem Vortrag "Narrative Medicine: Honoring the Stories of Illness" erzählen.

Zuvor aber lobte sie das Graduiertenkolleg: "Ich hoffe, Ihnen ist klar, welch radikaler Natur die Arbeit ist, die Sie hier tun." Sie freue sich, dass kürzlich die Weichen gestellt wurden für eine engere Zusammenarbeit der JGU und des Columbia University College. So wird es im Sommer 2016 einen ersten Workshop in Mainz geben, bei dem das Kernteam aus Charons "Narrative Medicine"-Programm vermitteln wird, was narrative Medizin wirklich bedeutet.

"Ich operiere nicht, ich bringe nichts zur Welt", erzählt die Internistin Charon. "Die Leute kommen, um mir etwas zu erzählen. Daraus entsteht meine Diagnose. Eines Tages wurde mir klar, dass ich im Grunde bezahlt wurde, um genau zuzuhören. Aber die Dinge, die ich erzählt bekam, widersprachen sich oft. Der Patient selbst erzählte eine ganz andere Geschichte als seine Frau oder seine Tochter, als der Psychiater oder der Sozialarbeiter. Ich sah mich mit vielen, völlig gegensätzlichen Erzählungen konfrontiert, die aber alle auf ihre Art wahr schienen."

Wie Erzählungen funktionieren

Sie wollte wissen, wie Erzählungen genau funktionieren. Das brachte sie ans English Department der renommierten Columbia Universität. "Ich hatte zuerst befürchtet, sie würden dort denken, dass ich sie nur instrumentalisieren will. Aber das war gar nicht der Fall. Sie waren sehr offen für mein Anliegen." Aus der Ärztin wurde eine Philologin. "Ich war nach und nach fähig, das ganze Bild zu sehen." Im Jahr 1999 schloss sie ihr neues Studium mit einem Doktorgrad ab. Im Jahr darauf etablierte sie ihr Programm zur narrativen Medizin am Columbia University College of Physicians and Surgeons.

Drei zentrale Aspekte dieses Programms hebt sie hervor: "attention, representation, and affiliation". Die drei deutschen Begriffe "Aufmerksamkeit", "Darstellung" und "Verbundenheit" kommen dem recht nahe.

Bei der Aufmerksamkeit geht es zuerst um die Aufmerksamkeit für einen Text, eine Erzählung. "Wir lehren lesen und schreiben", formuliert Charon lakonisch. "Das einfach gesagt: Erzähl mir eine Geschichte! Aber es ist solch ein komplexer Vorgang." Ob Mediziner, Krankenpfleger oder Sozialarbeiter, sie alle lernen das genaue Lesen. "Dabei ist jedes Wort wichtig, sie sollen hyper-aufmerksam werden."

Hinzu kommt das eigene Schreiben, die Darstellung. "Viele fragen zu Beginn: 'Ich bin doch Mediziner, warum soll ich etwas schreiben? Ich hasse schreiben.' Aber sie kommen bald dahinter. Mit der Darstellung wird unsere Wahrnehmung real. Wir kopieren nichts, wir erschaffen etwas. Schreiben ist ein motorisch-sensorischer Akt, der das Immaterielle materiell werden lässt."

Irritierende Geschichten von Krankheit

Charon selbst zeigt ihren Patienten die jeweils angelegte Krankenakte: "Das ist es, was ich denke getan zu haben. Lesen Sie es und sagen Sie offen, ob ich etwas ausgelassen habe. Schreiben Sie es hinein." Für die Ärztin war das ein Wendepunkt: "Es führte zu einer viel reicheren Praxis. Was im Patienten war, bekam eine Chance, erzählt zu werden."

Wer das "Narrative Writing"-Programm durchläuft, bekommt ein Instrumentarium an die Hand, Erzählungen genau aufzunehmen, sie zu beachten und zu achten. "Geschichten von Krankheit sind herausfordernder und irritierender als andere. Oft entblößt eine schwere Krankheit Dinge, die unter anderen Umständen schamhaft versteckt werden. Wir sehen, wie Gefühle ganz unverstellt an die Oberfläche kommen: Liebe, Hass, Abhängigkeit. Diese Menschen haben so etwas nie zuvor durchgemacht, wir als Ärzte aber kennen das. Es ist unsere Pflicht, sie da hindurch zu navigieren."

Das führt unmittelbar zum dritten Aspekt, zur Verbundenheit zwischen Patient und Mediziner. "Unsere Studierenden sind zu Beginn des Programms oft verwirrt, was das alles soll. Aber dann stellen sie fest, dass sie verschiedene Standpunkte und Perspektiven viel besser wahrnehmen und akzeptieren können als zuvor. Sie können empfangen, was die andere Person sendet – und umgekehrt."

Im Anschluss an ihren Vortrag hatte Charon viele Fragen zu beantworten. Ihre Zuhörer zeigten sich beeindruckt, manchmal mitgerissen und auf jeden Fall interessiert. Über allem aber stand am Ende eine sehr einfache und zugleich sehr fundamentale Aussage der Internistin mit dem Doktor in Englischer Philologie: "Wenn wir fragen, wofür Gesundheitsfürsorge eigentlich da ist, dann lautet die Antwort doch: Denen nahe zu kommen, die unsere Patienten sind."