Deutsch-polnische Erfolgsgeschichten

31. Juli 2019

Der Kontakt und der Austausch mit Polen haben eine lange Tradition an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Seit Jahrzehnten bestehen enge Verbindungen zu vielen polnischen Hochschulen. Wegweisende Kooperationen und die einzigartige Gastprofessur "Schwerpunkt Polen" stehen für das besondere Verhältnis zum europäischen Nachbarn. Adam Seredynski kam 2006 im Zuge eines Doppelabschlussprogramms der SGH Warschau und der JGU nach Mainz – und blieb länger als gedacht.
 

Zuerst war es vor allem die Sprache, die ihn interessierte. "Ich habe mit dem Programm begonnen, um besser Deutsch zu lernen", erzählt Dr. Adam Seredynski. "Professoren von deutschen Unis kamen zu uns und boten Blockseminare zu Themen wie Makroökonomie oder Betriebswirtschaftslehre an. Man muss dazu wissen: Unser Studiensystem war seinerzeit etwas anders als das deutsche. Nur 50 bis 60 Prozent der Vorlesungen waren verpflichtend, den Rest suchten wir uns selbst aus. Ich belegte also eines der deutschen Angebote. So ein Block war schnell absolviert, und am Ende konnten wir eine Klausur schreiben. Wenn die danebenging, war nicht viel verloren. Das gehörte schließlich nicht zu unseren Pflichtveranstaltungen. Für die meisten von uns war die Hauptmotivation, die Sprache in der Praxis und von Deutschen zu hören. Ich dachte mir: Nur so kann ich sie wirklich gut lernen."

Tatsächlich nahm Seredynski entschieden mehr mit als nur die Sprache. "Die Veranstaltungen waren toll und die Gastprofessoren sehr engagiert. Wir trafen uns auch schon mal abends auf ein Bier. Sie wollten viel über Polen wissen und erzählten auch einiges von ihrer Arbeit."

Anziehungspunkt für polnische Studierende

Seredynski studierte an der Szkoła Główna Handlowa (SGH) Warschau, der führenden Wirtschaftsuniversität Polens. Seit dem Jahr 1988 gab es dort im Bereich der Wirtschaftswissenschaften das Deutsch-Polnische Akademikerforum als Kooperation mit der JGU. Die beiden Universitäten stellten dann 2003 ein Doppelabschlussprogramm für VWL und BWL auf die Beine. Jene Blockveranstaltungen waren für Seredynski der Einstieg in dieses Programm und der erste Schritt auf dem Weg zur JGU. Für ihn ging nichts daneben – im Gegenteil.

"Das Programm sah vor, dass wir drei Semester die deutschen Gastvorlesungen belegten. Die besten Studierenden kamen dann mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Mainz. Dort gab es zwei Optionen: ein Gastsemester absolvieren oder für den Doppelabschluss gleich drei Semester in Deutschland bleiben."

Seredynski entschied sich für den Doppelabschluss. 2006 kam er in einer Gruppe von 15 Studierenden an die JGU. "Mainz hat mir sofort unglaublich gut gefallen. Ich stamme aus Rzeszów, einer Stadt im Südosten Polens, die ungefähr genauso groß ist und etwa ebenso viele Studierende hat. Ich zog in ein Studentenwohnheim in Gonsenheim, eine alte Kaserne – die großen Küchen boten tolle Möglichkeiten zum Austausch und zum Feiern. Dort trafen wir uns mit Leuten aus allen möglichen Ländern. Die Atmosphäre war sehr international."

Er kam zu einer Zeit an die JGU, als die polnischen Studierenden den größten Anteil unter den ausländischen Studierenden stellten. Rund 500 verteilten sich auf verschiedenste Fachbereiche. "Die Mainzer Universität war wegweisend, was Kooperationen mit Polen angeht", sagt Janina Tomala-Steinhauer, in der Abteilung Internationales der JGU verantwortlich für den "Schwerpunkt Polen". "Sie war die erste deutsche Hochschule, die nach dem Krieg entsprechende Kontakte knüpfte. Das hat also eine lange Tradition."

33 Erasmus-Partner in Polen

Die katholischen Theologen machten den Anfang. Sie nahmen in den 1970er-Jahren Kontakt zu ihren Kollegen in Krakau auf. "Das war noch mitten im Kalten Krieg", erinnert Tomala-Steinhauer. 1982 finanzierte die Robert Bosch Stiftung dann die Mainzer Gastprofessur "Schwerpunkt Polen", die später vom Land Rheinland-Pfalz übernommen wurde. "Damit bekamen wir eine deutschlandweit einmalige Einrichtung, die es bis heute polnischen Akademikerinnen und Akademikern ermöglicht, für ein Semester an der JGU zu lehren."

Weitere Initiativen kamen hinzu. "Im Moment haben wir 33 Erasmus-Partner in Polen", sagt Tomala-Steinhauer. Dazu zählen sowohl die SGH Warschau als auch die renommierte Jagiellonen-Universität Krakau. "Um die 40 Mainzer Studierende gehen pro Semester nach Polen. Das ist eine gute Zahl." Wie Seredynski können sie einen Doppelabschluss absolvieren, einen "Master of Science in Management" – oder von einer der zahlreichen weiteren Kooperationen profitieren: "Wir bieten zum Beispiel auch einen trinationalen Studiengang an, einen Master 'European Studies', der im polnischen Oppeln, im französischen Dijon und in Mainz angesiedelt ist."

An der JGU gibt es zudem mit dem Mainzer Polonicum eine einzigartige Einrichtung. "Dort können Studierende aller Fachbereiche Polnisch lernen. Wir haben großen Zulauf, die Kurse sind regelmäßig ausgebucht." Das Polonicum bringt viele junge Menschen nach Mainz, die an der polnischen Sprache und Kultur interessiert sind.

Seredynski hingegen lernte die deutsche Sprache und Kultur kennen – und die Wirtschaftswissenschaften an der JGU. Er spezialisierte sich auf Statistik, Ökonometrie und Wirtschaftsinformatik. "An das Thema für meine Abschlussarbeit kam ich ein wenig durch Zufall. An einem schwarzen Brett fand ich einen Zettel. Die Lufthansa schrieb eine praktische Masterarbeit in Kooperation mit der JGU aus. Es ging darum, die Umstiegsströme von Passagieren an den Flughäfen in Frankfurt und München vorherzusagen."

Von der Uni in den Job und zur Dissertation

Das gelang Seredynski. Er hatte damit sein großes Thema gefunden: die Netzwerkplanung für Fluglinien. "Ich schrieb die Arbeit auf Deutsch, obwohl die Fachliteratur meist in Englisch ist. Es war ein komisches Gefühl, als ich meine Arbeit dann auf Polnisch verteidigte. Es wirkt ein bisschen komisch, all die englischen Fachbegriffe zu benutzen, aber sie zu übersetzen, klingt auch irgendwie wild", meint er lächelnd.

"Noch während ich an der Arbeit saß, bekam ich ein Jobangebot von Airconomy, die genau in meinem Forschungsbereich tätig sind." Das Unternehmen ging später in den Konzern Amadeus auf, der vor allem IT-Lösungen für die Reiseindustrie und die Luftfahrt entwickelt. Dort arbeitet Seredynski bis heute. "Wir agieren sehr international, und meine Kolleginnen und Kollegen kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern."

Der JGU blieb Seredynski weiter verbunden, auch wenn er mittlerweile in Darmstadt lebt und in Bad Homburg arbeitet: Die letzten Jahre schrieb er an seiner Dissertation, betreut von Doktorvater Prof. Dr. Franz Rothlauf. Jüngst verteidigte er die Arbeit an der JGU. Er bestand mit summa cum laude. "Kurz gesagt geht es wieder um die Luftfahrt, um Konnektivität, Konkurrenz und Kooperation in der Netzwerkplanung."

Seredynski sieht seine Zukunft weiter auf diesem Gebiet – aber nicht in Deutschland. Seine Frau, die ebenfalls am Doppelabschlussprogramm teilnahm und wie er aus Rzeszów stammt, ist mittlerweile nach Polen zurückgekehrt. Er pendelt zwischen Darmstadt und der Heimat. "Dort leben unsere Familien und dort sollen unsere Kinder zur Schule gehen", sagt er. "Wir hatten von Anfang an geplant, nur vorübergehend nach Deutschland zu kommen." Es dauerte dann doch länger. "Mainz hat uns so gut gefallen, dass wir irgendwann dachten: Wenn wir weiter in dieser Stadt leben, wollen wir gar nicht mehr weg."