Neugier wecken für die Sprache und Kultur Polens

07. November 2019

In diesem Jahr feiert das Polonicum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) seinen 40. Geburtstag. Seit 1979 steht es Studierenden aller Fachrichtungen offen und bietet ihnen weit mehr als nur Sprachkurse: Polnische Kultur und Geschichte stehen ebenso auf dem Programm wie Exkursionen nach Warschau und Breslau. Die JGU ist bekannt für intensive Kontakte und vielgestaltige Kooperationen mit Polen, das Polonicum fügt sich hier nahtlos ein.
 

"Unser Polonicum ist bis heute eine deutschlandweit einzigartige Einrichtung", sagt dessen wissenschaftlicher Leiter Prof. Dr. Alfred Gall vom Institut für Slavistik, Turkologie und zirkumbaltische Studien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) selbstbewusst. "Sicher gibt es inzwischen viele Institutionen, die Polnisch als Sprache anbieten. Aber ein solch durchdachtes Programm, das in hohem Maße auch die polnische Kultur einbezieht, werden Sie sonst nirgends finden."

Gleich in den ersten Jahren zog das Polonicum, das in seiner Anfangszeit den sperrigen Namen "Einführung, Erprobung und Überprüfung studienbegleitender Jahreslehrgänge der Sprachen Ostmitteleuropas für Studierende aller Fachrichtungen in Mainz am Beispiel studienbegleitender Jahreslehrgänge der polnischen Sprache" trug, junge Menschen aus der gesamten Bundesrepublik an. "Es war 1979 als 'Mainzer Modell' zuerst nur auf drei Jahre angelegt, wurde dann aber wegen seines großen Erfolgs zur Dauereinrichtung", erzählt Gall. Der Bund und das Land Rheinland-Pfalz teilen sich die Finanzierung. Die Studierenden nehmen kostenlos teil, lediglich für die Exkursion am Ende der jeweiligen Kurse leisten sie einen kleinen Beitrag.

Anspruchsvolles und umfangreiches Programm

"Allerdings müssen sie schon einiges an Engagement mitbringen", warnt Gall. Schließlich beginnen die Kurse des Mainzer Polonicums bereits in der vorlesungsfreien Zeit mit einer dreiwöchigen Intensiv-Phase: In einem 60 Stunden umfassenden Lehrgang werden Grundkenntnisse der polnischen Sprache vermittelt. Während des Semesters folgen dann weitere vier Wochenstunden zur Sprachpraxis und zwei zur Kulturkunde. "Dies in den regulären Stundenplan einzubauen, ist nicht immer einfach",  meint der Professor für westslavische Literatur und Kulturwissenschaft. Zum Abschluss geht es für die Studierenden drei Wochen nach Breslau und Warschau. "Hier lernen sie das Land kennen, und an den Universitäten vor Ort durchlaufen sie weitere Kurse."

Dass in Mainz solch ein außergewöhnliches Angebot wie das Polonicum existiert, ist zwei besonderen Umständen zu verdanken: zum einen den traditionell engen Verbindungen der Universität zum Nachbarland, zum anderen den Bemühungen eines engagierten Soziologen.

Die JGU war die erste deutsche Hochschule, die nach dem Krieg Kontakte zu Polen knüpfte und sich um Kooperationen bemühte. Bereits in den frühen 1970er-Jahren nahmen die katholischen Theologen Kontakt zu ihren Kollegen in Krakau auf. 1982 finanzierte die Robert Bosch Stiftung die Mainzer Gastprofessur "Schwerpunkt Polen", die später vom Land übernommen wurde. Dies ist wie das Polonicum eine bundesweit einzigartige Einrichtung: Sie ermöglicht es polnischen Akademikerinnen und Akademikern, für jeweils ein Semester an der JGU zu lehren.

Die wegweisende Rolle der JGU schlägt sich heute in 33 Erasmus-Partnerschaften und in verschiedensten weiteren Kooperationen mit polnischen Hochschulen nieder. Rund 40 Mainzer Studierende gehen jedes Semester nach Polen, während umgekehrt ihre polnischen Kommilitoninnen und Kommilitonen über Jahrzehnte hinweg das größte Kontingent unter den ausländischen Studierenden an der JGU stellten.

Kein Platz für sprachbegabte Idioten

Ebenfalls in den 1970er-Jahren kam der Mainzer Soziologe Prof. Dr. Wilfried Schlau auf die Idee, an deutschen Universitäten Zentren für Sprachen wie Rumänisch, Tschechisch oder – im Fall der JGU – für Polnisch einzurichten. "Er begründete sein Anliegen damit, dass sich Deutschland per Bundesvertriebenengesetz verpflichtet habe, das Kulturerbe seiner Vertriebenen weiter zu pflegen, und Kenntnisse des Polnischen sah Schlau als ein solches Kulturerbe", erinnert sich Gall. "Dieses Argument würde ich heute nicht mehr unterschreiben. Wir sehen uns als Brückenbauer, als Vermittler zwischen Polen und Deutschen."

In einem anderen Bereich allerdings sieht sich Gall völlig einig mit Schlau: "Er meinte, er sei nicht daran interessiert, sprachbegabte Idioten heranzuziehen. Die Studierenden sollten auch etwas über Politik, Gesellschaft und Kultur Polens erfahren. Das ist über all die Jahre ein wichtiges Ziel geblieben: Wir wollen neugierig machen auf ein Land, mit dem wir eine lange und komplizierte Nachbarschaftsgeschichte teilen."

Das Mainzer Modell entstand mitten im Kalten Krieg. Das brachte Probleme. "Als unser erster Kurs bereits lief, waren die Organisatoren immer noch auf der Suche nach einer Partneruniversität, an der wir mit unseren Studierenden zu Gast sein könnten. Zuerst bot sich Lublin an, aber das polnische Kulturministerium stellte sich in den Weg. Im letzten Moment nahm uns die Jagiellonen-Universität Krakau auf. Die einzelnen Institutionen zeigten sich interessiert an Kontakten, aber die Staatsmacht der Volksrepublik Polen sabotierte unsere Bemühungen immer wieder." Wenn die JGU etwa polnische Akademikerinnen und Akademiker zu Gastvorträgen einlud, wurden diese häufig an der Ausreise gehindert oder schikaniert, Materialien wie Dias wurden beschlagnahmt.

Umfassendes Bild vom polnischen Leben

Im Laufe seines Bestehens hat das Mainzer Polonicum die ein oder andere Veränderung durchgemacht. So dauerten die Kurse zu Beginn ein ganzes Jahr. Doch die Grundprinzipien blieben: Studierende aller Fachrichtungen sind willkommen. "Wie haben Juristinnen und Juristen dabei, Wirtschaftswissenschaftlerinnen, Mediziner und Naturwissenschaftlerinnen, aber natürlich auch Studierende aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Einige bereiten sich so auf einen Erasmus-Aufenthalt in Polen vor. Daneben besuchen Studierende der Polonistik, die noch keine Sprachkenntnisse haben, unsere Kurse. Immerhin bringen wir sie auf ein Niveau, das beinahe der Stufe B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens entspricht."

Doch nicht nur das: Regelmäßig kommen polnische Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf Einladung des Polonicums an die JGU, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocaust und der Nazi-Diktatur sind zu Gast, polnische Filmemacher präsentieren ihre Arbeit, oder Studierende stellen ihr Dissertationsprojekt in Sachen Polen vor. "Wir kooperieren außerdem mit verschiedensten Partnern, unter anderem mit dem Deutschen Polen-Institut in Darmstadt und dem Polnischen Institut in Düsseldorf", erzählt Gall.

Sprachbegabte Idioten bringt das Polonicum auf diese Weise wahrlich nicht hervor. Die Studierenden bekommen ein umfassendes Bild vom Leben in Polen, und die anspruchsvollen Kurse schweißen zusammen. "Wir haben sehr aktive und engagierte Gruppen, die über das Polonicum hinaus nicht nur untereinander Kontakt, sondern auch Verbindungen nach Polen halten", sagt Gall. "Das freut uns natürlich besonders."