Die meisten Lehrangebote werden verwirklicht

23. April 2020

Angesichts der Corona-Pandemie wird dieses Sommersemester an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) völlig anders aussehen als alle Semester zuvor. Solange die verordneten Kontaktsperren in Kraft bleiben, kann es keine Vorlesungen, Seminare oder Workshops auf dem Campus geben. Deswegen gilt es, neue Wege zu beschreiten: Möglichst viele der rund 5.000 geplanten Lehrangebote sollen über digitale Kanäle realisiert werden. Das von der Universitätsleitung ins Leben gerufene Kompetenzteam Digitale Lehre unterstützt die Lehrenden bei dieser Mammutaufgabe.
 

Die vorige Woche war noch mal besonders anstrengend. "Allein vergangenen Dienstag kamen über unsere E-Mail-Hotline 64 Anfragen herein", erzählt Dominik Schuh vom Kompetenzteam Digitale Lehre. "Für die nächsten Wochen haben wir alle irgendwie greifbaren Hilfskräfte mobilisiert, um mit der Beantwortung hinterherzukommen." Nun allerdings ist er recht optimistisch: "Wir werden die meisten Lehrangebote für das Sommersemester verwirklichen können, auch wenn sicher nicht alles sofort perfekt sein wird." Deutlich sei ein Stimmungswechsel zu spüren gewesen. "Vor zwei Wochen noch sagten sich einige unserer Dozentinnen und Dozenten: 'Wir warten lieber erst einmal ab.' Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Die ganz große Mehrheit ist mit viel Engagement dabei, auf digitale Lehre umzustellen."

Das Kompetenzteam hilft tatkräftig dabei. Seit dem 16. März arbeiten 14 Fachleute Hand in Hand, um wichtige Grundlagen zu schaffen und fortlaufend zu beraten. Zumeist kommen sie aus den zentralen Einrichtungen der JGU, dem Zentrum für Datenverarbeitung (ZDV), dem Zentrum für Audiovisuelle Produktion (ZAP), dem Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ) sowie dem Internationalen Studien- und Sprachenkolleg (ISSK). Zudem sind einzelne Lehrende mit von der Partie. Prof. Dr. Stephan Jolie, Vizepräsident für Studium und Lehre an der JGU, koordiniert das Team, zu dem auch seine Referentin Dr. Sandra Sandri und sein Referent Dominik Schuh gehören.

Hoher Aufwand für die Lehrenden

"Es gibt keinen Präzedenzfall für das, was wir hier auf die Beine stellen", sagt Sandri. Mit "wir" meint sie gar nicht mal so sehr das Kompetenzteam, sondern vor allem die Lehrenden, die meist zu Hause vor ihren Computern sitzen, die sich im Homeoffice häufig zum ersten Mal intensiv damit auseinandersetzen, wie sie die Inhalte ihrer Vorlesungen oder Seminare über digitale Medien vermitteln können.

"Für sie ist der Aufwand meist sehr hoch. Sie müssen nicht nur mit der ungewohnten Technik klarkommen, auch die Konzeption läuft ganz anders. Sie müssen zum Beispiel schlicht mehr in den Computer eingeben. Ich kenne das aus meinen eigenen Lehrveranstaltungen in der Präsenzlehre: Dort reagiere ich oft spontan auf die Studierenden, ich improvisiere auch schon mal. Nun aber muss ich ganz viel antizipieren, ich muss vorausahnen, welche Beiträge kommen, und auf ganz andere Weise daran arbeiten, die Studierenden einzubeziehen und zu motivieren."

Das Kompetenzteam hilft genau dabei sehr konkret. Sandri erinnert sich an eine typische Anfrage. "Jemand schreibt uns: 'Ich habe einen Kurs und möchte die Studierenden zur Diskussion anregen. Ich möchte mich mit ihnen austauschen, aber sie auch zum selbstständigen Arbeiten motivieren.' Wir raten in solch einem Fall, die einzelnen Elemente zu trennen: Eine offene Diskussion lässt sich etwa als Web-Konferenz durchführen, eine Textdiskussion auch in einem Forum über unser Lernmangementsystem Moodle."

Improvisation statt Perfektion

Es stehen verschiedenste Wege offen. Über die Video-Plattform Panopto lassen sich Bild- und Tonaufzeichnungen mit Präsentationen kombinieren, Skype for Business ermöglicht Live-Konferenzen. "Im Moment sind auch unsere mit Aufzeichnungsgeräten ausgerüsteten Hörsäle auf dem Campus frei", erzählt Schuh. "Das ZAP hilft Lehrenden, die mit Tafel in einem Saal aufzeichnen möchten. Das Einzige, was wir nicht bieten, sind Videokonferenzen, bei denen man alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleichzeitig sieht. Wir verfügen im Moment über kein eigenes Programm, das dies ermöglicht. Aber ich würde sagen, der Nutzen ist dabei auch oft eingeschränkt, denn es ist doch eine völlig andere Situation als im Seminarraum. Ich kann mich nicht auf eine Videowand mit 50 Gesichtern fokussieren und nicht einfach die Mehrheitsreaktion wahrnehmen, die ich sonst intuitiv erfasse."

In vielen Fällen macht das Kompetenzteam Mut zum Improvisieren. "Es ist zum Beispiel gar nicht so einfach, in ein Szenario eine Art Tafelfunktion einzubauen. Gerade das ist aber vielen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern wichtig. Eine ganz simple Möglichkeit wäre, ein Handy über dem eigenen Tisch an der Decke oder einem Regal zu befestigen und auf Papier zu zeichnen." Das Ergebnis dürfte wahrscheinlich alles andere als professionell ausfallen. Doch dazu meint Sandri: "Wir müssen nicht perfekt sein, wir wollen schließlich kein Hollywood-Kino produzieren. Wenn man sich das erst mal klarmacht, wird plötzlich einiges möglich."

Vom ersten Tag an hatte sich das Kompetenzteam einen ambitionierten Fahrplan aufgestellt. Neben der E-Mail-Hotline unter wurde eine ganze Reihe weiterer Projekte sehr schnell realisiert. So war eine neue Installation der Lernplattform Moodle eigentlich erst für Ende 2020 geplant. "Wir haben sie bereits jetzt zur Verfügung gestellt und arbeiten während des laufenden Betriebs weiter daran", sagt Schuh. Auch ein eigener Moodle-Kurs für Studierende läuft an. "Uns liegen bereits gut 1.100 Anmeldungen vor." Zudem finden sich unter lehre.uni-mainz.de/digital Ideen, Anregungen und Hilfen zum Einstieg in die digitale Lehre.

Lebendiger Austausch durch digitale Vernetzung

"Wir haben uns als Team tatsächlich erstaunlich schnell aufeinander eingespielt", berichtet Schuh. "Nun sind wir gespannt, wie der Lehrbetrieb tatsächlich laufen wird." Ihm ist klar, dass Studierende wie Lehrende auf einiges verzichten müssen: "Wir sind normalerweise eine Campusuniversität und sehr bewusst keine Fernuni. Einiges, was uns sehr wichtig ist, fällt jetzt weg. Da werden wir schauen müssen, was sich durch digitale Lehre kompensieren lässt, aber auch, was neu hinzukommt. Wir könnten beispielsweise vermehrt Inhalte fächerübergreifend teilen, ein Video vielleicht zur Frage 'Was ist Kultur als Grundbegriff der Geisteswissenschaften?'"

Abschließend räumt Sandri ein: "Der lebendige Austausch wird schwieriger in diesem Sommersemester. Doch ich hoffe, dass sich Lehrende und Studierende dafür sehr intensiv vernetzen." Die Grundlagen dafür sind geschaffen.