Studieren im Ausland in Zeiten von Corona

31. Juli 2020

Auch der internationale Austausch leidet unter den weltweiten Lockdowns und Reisebeschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie. Das trifft viele Studierende, aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich für einen Auslandsaufenthalt entscheiden. An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) kümmert sich die Abteilung Internationales um sie – und stellt sich einigen neuen Herausforderungen.
 

"Wenn alle Veranstaltungen digital stattfinden, wenn ich sowieso nur vorm Computer sitze, warum soll ich dann zum Studieren ins Ausland? Ich wollte dort schließlich hin, um in die Kultur einzutauchen, um die Leute kennenzulernen, aber genau das ist im Moment unmöglich." Mit solchen und ähnlichen Sätzen wurde Dr. Tanja Herrmann in den letzten Wochen häufig konfrontiert. "Viele wollen ihr bevorstehendes Auslandssemester verschieben, am besten in den kommenden Sommer", erzählt die stellvertretende Leiterin der Abteilung Internationales der JGU, "und ich kann unsere Studierenden da durchaus verstehen."

Weltweit reagierten Länder mit Lockdowns und Kontaktsperren, mit Reisebeschränkungen und Grenzschließungen auf die Corona-Pandemie. Das macht den Menschen zu schaffen – und trifft in mehrfacher Hinsicht diejenigen, die sich eigentlich entschlossen hatten, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Die JGU legt großen Wert auf einen regen Kontakt mit ihren zahlreichen Partneruniversitäten. Sie fördert intensiv den Austausch von Studierenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und anderen Bediensteten. Doch gerade hier tauchen im Moment Probleme auf, mit denen vor COVID-19 kaum jemand gerechnet hätte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung Internationales arbeiten auf Hochtouren.

Digitale Angebote schaffen soziale Kontakte

Herrmann und ihr Team vom Referat Outgoing kümmern sich um all jene, die von der Mainzer Universität ins Ausland gehen, während sich ihr Kollege Gabriel Belinga Belinga und das Referat Welcome darum bemühen, internationalen Gästen den Aufenthalt an der JGU so unkompliziert und angenehm wie möglich zu gestalten. Beide berichten von den besonderen Herausforderungen in Zeiten von Corona.

"Als Mitte März die Kontaktsperren in Deutschland in Kraft traten, waren einige internationale Studierende bereits bei uns angekommen, andere wiederum standen in ihrer Heimat kurz vor der Abreise, wurden dann aber daran gehindert", berichtet Belinga Belinga. "Studierende aus den asiatischen Ländern sagten uns relativ schnell ab, bei Ländern wie den USA dagegen blieb länger in der Schwebe, was nun passieren würde. Die Situation war also von vornherein sehr heterogen."

"Ich bekam einen Anruf von einer Studentin aus Frankreich, die allein in einem unserer Wohnheime festsaß", ergänzt Herrmann. "Sie durfte natürlich schon raus, aber alle Möglichkeiten, soziale Kontakte zu knüpfen, waren weggefallen. Sie war sehr unglücklich in dieser Situation und fragte mich, was sie nun tun solle."

"Unsere Welcome Week, mit der wir normalerweise die internationalen Studierenden in Mainz begrüßen, musste entfallen", so Belinga Belinga. "Wir schafften es allerdings, viele unserer Angebote virtuell aufrechtzuerhalten. Außerdem gründeten wir eine Facebook-Gruppe, über die wir nun mit möglichst vielen Studierenden in Verbindung bleiben. Dort bekommen sie unter anderem Informationen über Angebote wie das Buddy-Programm des Studierendenwerks, das Kontakte zu Deutschen herstellt. Wir selbst haben auch ein virtuelles Hangout veranstaltet, in dem alle von ihrer Situation erzählen und sich mit anderen Studierenden austauschen konnten. Und natürlich waren auch die Fachbereiche mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, Wege finden zu müssen, um die internationalen Studierenden aktiv in das digitale Semester einzubinden. Da können wir nur dankbar sein für das große Engagement."

Hilfreiche Partneruniversitäten, Geldgeber und Behörden

"Unsere Studierenden im Ausland stehen vor ganz ähnlichen Problemen", meint Herrmann. "Einige wollen gar nicht mehr ins Ausland, andere dürfen nicht mehr reisen – und wer bereits vor Ort ist, stellt fest, dass alles nur digital angeboten wird. Vor Corona konnten wir unsere Studierenden im Ausland oft pauschal beraten, nun sind nahezu alle zum Einzelfall geworden, bei allen liegen die Probleme etwas anders. Deswegen gehen wir nun auf alle einzeln ein, auch wenn das viel Zeit in Anspruch nimmt."

Herrmann erlebt bei den Studierenden eine große Verunsicherung: "Sie fragen sich, ob und wo sie eine Unterkunft herbekommen, ob sie ihre alte kündigen sollen. Sie sorgen sich, wie sie ihre Prüfungen absolvieren oder ihre Abschlüsse bekommen sollen. Sie fragen immer wieder: Was passiert kommendes Semester, dürfen wir wieder reisen? Leider können wir ihnen darauf keine definitiven Antworten geben. Solch eine Situation hatten wir noch nie. Wir wissen nicht, was kommt. Das belastet auch uns."

Die Zahl der Studierenden, die für ein Gastsemester nach Mainz kommen oder die JGU verlassen, ist vorübergehend eingebrochen. "Etwas anders sieht es bei den internationalen Studierenden aus, die einen Abschluss bei uns planen", sagt Belinga Belinga. "Sie bemühen sich, unsere Angebote in der digitalen Lehre wahrzunehmen, selbst wenn sie zurzeit in ihrem Heimatland festsitzen. Manche reagieren allerdings mit Unverständnis auf die Reiseverbote, was ich auch nachvollziehen kann: Eine Studentin aus Mittelamerika meinte, sie habe ihren Wohnsitz und ihren Lebensmittelpunkt in Mainz, sie sei hier zu Hause. Sie verstand nicht, warum sie zunächst nicht zurück durfte."

Insgesamt allerdings sei das Feedback der Studierenden positiv, gerade wenn es um die Arbeit der Abteilung Internationales gehe: "Alle wissen schließlich, wie schwierig die Situation weltweit ist. Sie sind dankbar für unsere Bemühungen und zufrieden", sagt Herrmann. "Außerdem funktioniert die Kommunikation mit unseren Partneruniversitäten in den meisten Fällen sehr gut. Das ist natürlich hilfreich. Auch unsere Drittmittelgeber reagieren in der Regel hervorragend, obwohl zum Beispiel für einen ERASMUS-Aufenthalt und für viele Stipendien momentan ganz andere Voraussetzungen gelten und vieles nach wie vor unklar ist: Der Fall Corona war einfach bisher nicht vorgesehen."

Interesse am Studium in Mainz ungebrochen

"Die Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde klappt ebenfalls wunderbar", ergänzt Belinga Belinga. "Gerade von unseren Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern bekommen wir viele besorgte Anfragen, weil ihre Aufenthaltsgenehmigungen ablaufen. Tatsächlich vergibt die Behörde erst seit kurzem wieder Termine zur Verlängerung, aber uns wurden sehr schnell und unbürokratisch Überbrückungsbescheinigungen ausgestellt."

Insgesamt sind die Probleme der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ähnlich gelagert wie die der Studierenden. "Auch hier sehen wir eine große Unsicherheit", sagt Belinga Belinga. "Viele fragen an, ob sie anreisen sollen, ob sie es überhaupt können – oder ob sie besser gleich ein digitales Angebot von zu Hause für die JGU einrichten sollen." Eine Professorin aus Neuseeland entschied sich für den digitalen Weg, eine Kollegin aus dem polnischen Oppeln überlegt gerade noch, wie sie ihre Mainzer Kurzdozentur fürs anstehende Semester ausgestalten soll. Glücklicherweise öffnen sich allmählich die Grenzen wieder. "Ein Wissenschaftler aus Russland ist in diesen Tagen in eines unserer Gäste-Apartments gezogen. Er muss nun allerdings erst mal in die vorgeschriebene 14-tägige Quarantäne gehen."

COVID-19 macht vieles schwieriger im internationalen Austausch. Eines jedoch ist nicht nur geblieben, sondern hat sich sogar verbessert: "In den vergangenen Wochen war ich mehrfach auf virtuellen Messen im Ausland zu Gast, um die JGU zu vertreten", berichtet Belinga Belinga. "Dort herrschte ein Rieseninteresse an einem Studium an der JGU. Es kamen zwar auch Fragen, wie wir in Deutschland mit Corona umgehen, aber vor allem sind sehr viele neugierig, wie das genau ist, bei uns zu studieren."