Frische Impulse für den europäischen Hochschulraum

15. Dezember 2021

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) knüpft seit ihrer Wiedereröffnung vor 75 Jahren Kontakte zu Hochschulen weltweit: In Dijon, Valencia, Oppeln und Middlebury fanden sich verlässliche Partner. Insgesamt gibt es Kooperationen mit rund 500 Universitäten. Vor zwei Jahren wurde die FORTHEM-Allianz ins Leben gerufen: Sie stellt die Studierenden in den Mittelpunkt und arbeitet auf europäischer Ebene für eine engere Vernetzung.
 

Heute wagen weit mehr Studierende der JGU den Schritt ins Ausland als noch vor einigen Jahrzehnten, und umgekehrt begrüßt die Mainzer Universität Semester für Semester zahlreiche junge Menschen aus der ganzen Welt. "Aber das genügt noch nicht", stellt Prof. Dr. Stephan Jolie, JGU-Vizepräsident für Studium und Lehre, fest. "Wenn wir ehrlich sind, erreichen wir mit unseren Programmen vor allem die Privilegierten. Damit können wir nicht zufrieden sein. Wir müssen noch mehr in die Breite gehen. Wenn irgendwann einmal mindestens die Hälfte unserer Studierenden im Ausland war, und sei es wenigstens für einige Wochen, etwa im Rahmen eines in Teilen digital durchgeführten internationalen Seminars, dann ist es gut."

"Aktuell sind es um die 20 Prozent", konstatiert Dr. Markus Häfner, Leiter der Abteilung Internationales an der JGU. Sie gehen fürs Studium ins Ausland, mal für einige Monate, manchmal gar für ein oder mehrere Semester. Häfner fasst diese Studierenden unter dem Begriff "Outgoings" zusammen. Sie profitierten vor allem vom Förderprogramm ERASMUS, das 1987 von der EU ins Leben gerufen wurde, seit 2014 von dessen Nachfolger ERASMUS+. "Im Vergleich mit den anderen deutschen Universitäten standen wir über die letzten Jahre hinweg im Bereich Personalmobilität jeweils auf Platz sieben oder acht. Bei der Studierendenmobilität sieht es nicht ganz so gut aus. Dort liegen wir im oberen Mittelfeld." Er fügt hinzu: "Im Moment stagnieren die Zahlen, auch wenn die ERASMUS-Mittel noch einiges hergeben würden. Wir haben offensichtlich einen gewissen Sättigungsgrad erreicht."

FORTHEM-Allianz

Das soll sich ändern: 2019 schlossen sich sieben europäische Universitäten unter Federführung der JGU zur FORTHEM-Allianz zusammen. FORTHEM steht für "Fostering Outreach within European Regions, Transnational Higher Education and Mobility: A pan-European living lab and integrative European University". Es kann auch einfach als "for them" gelesen werden: "für sie" – für alle europäischen Studierenden. Dr. Tanja Herrmann von der Abteilung Internationales leitet das Projekt gemeinsam mit Jolie. "Wir versprechen uns davon neue Impulse", sagt sie, "gerade auch in Richtung Outgoings."

Sehr früh schon, bereits vor ihrer Wiedereröffnung am 22. Mai 1946, wurden die Weichen für eine internationale Ausrichtung der Mainzer Universität gestellt. In ihren knapp drei Monate zuvor verkündeten Statuten heißt es: "In Forschung und Lehre soll die neue Universität die Kenntnis und das Verständnis für die geistigen und kulturellen Errungenschaften der anderen Länder, die gegenseitige Achtung der Völker voreinander und das Gefühl für die Verbundenheit der Menschen weiter fortbilden." Frankreich hatte die Gründung der JGU veranlasst und massiv gefördert. Das Land war ganz besonders an engen Verbindungen interessiert.

Die ersten Initiativen ließen nicht lange auf sich warten: So veranstaltete die Universität seit 1947 Ferienkurse für internationale Studierende. Zehn Jahre später gab es bereits Austauschprogramme mit 14 Colleges und Universitäten in den USA und Kanada. "Vieles ging auf die Initiativen einzelner Personen zurück", erzählt Herrmann. Das gilt in gewisser Weise bis heute: PD Dr. Sigrids Rieuwerts vom Department of English and Linguistics etwa knüpfte auf verschiedensten Ebenen Kontakte zu Schottland. Unter anderem entstand eine Society for Scottish Studies in Europe an der JGU. Für ihren bemerkenswerten Einsatz für zahlreiche grenzüberschreitende Bildungsprojekte und kulturelle Beziehungen sowie die Förderung von Toleranz und interkulturellem Verständnis wurde Sigrid Rieuwerts mit dem Konstanzer Konzilspreis 2021 ausgezeichnet – auf Vorschlag von Schottlands First Minister Nicola Sturgeon.

Frühe Kontakte

Die Université de Bourgogne in Dijon und die JGU arbeiten seit 45 Jahren eng zusammen. "Ähnlich wie die Verbindung zur Universitat de València in Spanien kam diese Kooperation über die Städtepartnerschaft mit Mainz zustande", so Herrmann. Sie selbst engagierte sich über Jahre für die Beziehungen der JGU zu Dijon. Eine Reihe deutsch-französischer Bachelor und Master-Studiengänge mit Doppelabschluss kamen zustande. "Hier sind wir die Nummer eins in Deutschland", sagt Jolie. "Ich kenne sonst keine zwei Universitäten aus verschiedenen europäischen Regionen, die so viele binationale Studiengänge auf den Weg gebracht haben. Außerdem kooperieren wir eng in der Lehrerausbildung."

Frankreich ist und bleibt ein wichtiger Partner der JGU, das zeigt auch eine der jüngeren Gründungen an der JGU: 2019 wurde das Zentrum für Frankreich- und Frankophoniestudien (ZFF) eröffnet, das verschiedenste Aktivitäten bündelt und fächerübergreifend nicht nur die Forschung und Lehre fördern, sondern den Austausch mit dem frankophonen Sprach- und Kulturraum allgemein beleben soll.

Verbindungen nach Südkorea, Südafrika und Israel wurden ebenfalls recht früh geknüpft. Heute existiert an der JGU ein Schwerpunkt Israel/Naher Osten. "Von besonderer Verlässlichkeit und Kontinuität ist der Austausch mit dem Middlebury College in Vermont, USA, der bereits seit 1959 existiert", erzählt Häfner. "Und in der ersten Hälfte der 1970er, als das politisch durchaus noch schwierig war, liegen die Wurzeln der heute noch so reichen Verbindungen der JGU mit Polen." Aus den damaligen Kooperationen mit mehreren polnischen Universitäten, darunter Warschau und Krakau, entstand das Mainzer Polonicum mit seinen Sprachlehrgängen und der Schwerpunkt Polen mit einer Gastprofessur.

Netzwerk für Europa

Heute unterhält die JGU rund 1.000 Kooperationen mit 500 Hochschulen weltweit. "Doch das sind fast alles binationale Initiativen", erklärt Häfner. "Wenn wir zum Beispiel mit Valencia oder Oppeln Partnerschaften eingehen, heißt das nicht automatisch, dass auch Valencia mit Oppeln kooperiert. Mit FORTHEM erreichen wir nun eine neue Stufe: Wir bilden ein Netzwerk." Neben der JGU, der Université de Bourgogne und der Uniwersytet Opolski sind die Universitat de València, die Università degli Studi di Palermo in Italien, die Latvijas Universitate in Lettland und die finnische Jyväskylän yliopisto unter dem Dach der Allianz vereint.

"Unser Netzwerk ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen", meint Jolie. "Diese Bemühungen begannen mit ERASMUS und wurden mit dem Bologna-Prozess weitergeführt, in dem wir uns verpflichteten, vergleichbare Bachelor- und Master-Abschlüsse einzuführen und die Studierendenmobilität weiter zu fördern. Danach kam die Lissabon-Konvention, in der es um die gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen ging: Die Beweislast verschob sich von den Studierenden auf die Universitäten: Diese müssen nun im Zweifelsfall erst mal nachweisen, dass eine Leistung nicht adäquat ist, ansonsten zählt sie. Das ist ein Riesenfortschritt für die Studierenden."

Netzwerke wie FORTHEM, von denen in einer ersten Phase insgesamt 17 über die "European Universities Initiative" der Europäischen Kommission gefördert werden, setzen auf einer anderen Ebene an: Sie demokratisieren gewissermaßen die Schaffungen des europäischen Hochschulraums. "FORTHEM wird nicht von den Hochschulleitungen verordnet", betont Jolie. "Unsere Allianz soll im Austausch der Fächer, der Forschenden mit den Studierenden wachsen. Sie sollen ihre Ideen einbringen und FORTHEM prägen."

Austausch für alle

Daneben ist die Kreativität der Lehrenden gefragt. "Wir wollen einen möglichst niedrigschwelligen Austausch ermöglichen. Viele können sich ein Semester im Ausland nicht leisten, bei anderen lässt die familiäre Situation so etwas nicht zu. Für sie wollen wir kleine Angebote schaffen: vielleicht ein digitales Seminar mit einem analogen Kick-off-Event in einem und einer Abschlussveranstaltung in einem anderen Land. Gerade im digitalen Bereich haben wir ja in den letzten Jahren große Fortschritte an der JGU erzielt – nicht zuletzt infolge der Pandemie."

Jolie wirbt auf breiter Front für die Allianz: an den Fachbereichen und Instituten, bei den Professorinnen und Professoren, bei den Lehrenden und in der Mitarbeiterschaft insgesamt – vor allem aber bei den Studierenden. "Wir wollen jeden einbeziehen, alle Statusgruppen, alle sozialen Schichten sollen teilhaben. Das ist das Herz unseres Auftrags. Es darf nicht sein, dass wir im internationalen Austausch irgendetwas Elitäres aufbauen. FORTHEM soll dies noch mal unterstreichen."