Unterricht für ukrainische Flüchtlinge

15. November 2022

Mit der Mainzer Sprachbrücke hat JGU-Studentin Alexandra Mihai eine außergewöhnliche Initiative ins Leben gerufen: Innerhalb weniger Monate hat sie ein vielköpfiges Team zusammengebracht mit dem Ziel, ukrainischen Flüchtlingen die deutsche Sprache näherzubringen. Sowohl die Stadt Mainz als auch die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) unterstützen ihr Projekt.
 

Am 24. Februar 2022 begann der russische Überfall auf die Ukraine. "Ich war geschockt und habe mich sehr hilflos gefühlt", erinnert sich Alexandra Mihai. "Plötzlich war Krieg in Europa pure Realität." Die 25-Jährige kam nicht zur Ruhe. "Ich wollte etwas tun. Zu meinem Freund sagte ich: Wenn ich doch nur einem einzigen Menschen helfen könnte." Ukrainische Flüchtlinge trafen in Deutschland ein. "Ich überlegte, dass man irgendwie humanitäre Hilfe leisten könnte, auch wenn mir zuerst nicht so richtig klar war, was genau möglich ist. Ich wusste nur: Irgendetwas mit Bildung sollte es sein. Am 17. März setzte ich mich dann hin und tätigte meinen ersten Anruf."

Dies war die Geburtsstunde der Mainzer Sprachbrücke, einer in ihrer Art einmaligen Initiative, die in den vergangenen Monaten beständig gewachsen ist: Heute betreuen mehr als 30 Helferinnen und Helfer verschiedenster Couleur Tag für Tag ukrainische Kinder an Mainzer Schulen. Sie organisieren Sprachkurse für Erwachsene, zu denen sie jeden Mittwoch auf den Gutenberg-Campus einladen, und ergänzen dieses Programm neuerdings auch durch ein Onlineangebot.

Kinder an die Hand nehmen

"Ich wollte von Anfang an nichts mit Geld zu tun haben und auch keinen eingetragenen Verein gründen", erzählt Mihai. "Es sollte einfach so funktionieren, ohne all den formalen und rechtlichen Ballast. Ich sprach mit vielen Menschen, schickte unzählige Mails raus und telefonierte ganz, ganz viel." Über einen Aufruf in den sozialen Medien suchte sie Gleichgesinnte – und staunte nicht schlecht, denn: "Meinen Aufruf hat unser damaliger Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling im Internet geteilt. Daraufhin meldeten sich unheimlich viele Leute, Bekannte und Freunde sprachen mich an."

Währenddessen trudelten erste Sachspenden ein. "Mein Keller füllte sich mit Rucksäcken, Schreibblöcken und Stiften. Am 9. April konnten wir dann insgesamt 55 gefüllte Schulranzen an Kinder der Ukrainischen Samstagsschule Mainz übergeben."

Alles lief noch recht unstrukturiert und wenig durchorganisiert. "Erst Ende April sagten wir uns: Wir brauchen endlich mal einen Namen." Nun nahm die Mainzer Sprachbrücke auch in anderer Hinsicht Gestalt an: "Wir konzentrierten uns auf die Schulen. Dort kommen die ukrainischen Flüchtlingskinder ziemlich unkontrolliert in die Klassen. Wir boten Hilfe an und es stellte sich heraus, dass die Lehrkräfte unfassbar dankbar sind für unsere Unterstützung. Wir begleiten den Unterricht und entlasten sie, indem wir zum Beispiel die Kinder an die Hand nehmen und ihnen noch mal in Ruhe erklären, was gerade behandelt wird." Mihai räumt ein: "Klar, das geschieht am Anfang mit Händen und Füßen, denn keiner beherrscht die Sprache des anderen, aber es funktioniert erstaunlich gut."

Fünf Mainzer Grundschulen unterstützt die Sprachbrücke auf diese Weise. "Die Ukrainische Samstagsschule ist die sechste Schule, mit der wir kooperieren", ergänzt Mihai. "Dort bieten wir eigene Sprachkurse an." Sie hatte bereits früh Kontakt mit dem Träger, dem Ukrainischen Verein Mainz, aufgenommen. "Victoriya Jost, die Koordinatorin, hilft uns, wo sie nur kann."

Sprachkurse an der Universität

Mihai studiert an der JGU: Deutsch, Geschichte und Politikwissenschaft auf Lehramt. "Ich habe gerade mein letztes Semester vor mir", erzählt sie. Das JGU-Präsidium unterstützt Hilfsaktionen für die Ukraine, hat eine zentrale Kontaktadresse an der Universität eingerichtet. Also wandte sich Mihai an die JGU. "Alle waren sofort total hilfsbereit." Ganz unbürokratisch wurden Räume für ein weiteres Vorhaben der Sprachbrücke zur Verfügung gestellt: Es sollte auch für erwachsene Ukrainer Sprachkurse geben – in zwei Kursen, jeden Mittwoch. "Die Sprache ist die Eintrittskarte in unsere Gesellschaft und erst über sie können die Menschen an Jobs kommen. Deutschland leidet unter Fachkräftemängel, Flüchtlinge könnten da eine wichtige Rolle spielen."

Mittlerweile hat Mihai ein buntes Team an Helferinnen und Helfern um sich geschart, die sich alle ausschließlich ehrenamtlich für die Mainzer Sprachbrücke engagieren: "Wir haben zwei ITler dabei, aber auch Leute aus dem kaufmännischen Bereich. Unsere älteste Kraft war eine 62-jährige Rentnerin. Ihr wurde es dann zu viel, sie hörte auf. Aber das ist völlig okay, ich bin nicht sauer oder enttäuscht. Alle sollen sich bei uns wohlfühlen und jede und jeder das beitragen, was sie oder er kann. Alle sollen Spaß haben und mit vollem Herzen hinter unserer Arbeit stehen."

Mihai konnte einige ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen für die Sprachbrücke begeistern. "Gerade Lehramtsstudierende sammeln bei uns wertvolle Erfahrungen. Sie bekommen es mit sehr heterogenen Gruppen zu tun. Im Studium erleben sie das eher selten. Einige Studierende sind von Beginn an dabei und helfen auch bei der Organisation: Lisa Fallmann zum Beispiel betreut unsere Social-Media-Kanäle." Über die JGU kam zudem der Kontakt mit Fulya Mank zustande: Sie unterhält eine eigene Sprachschule und bringt viel Know-how mit. "Sie steht uns beratend zur Seite und hat die ersten Onlinekurse für uns entwickelt. Im kommenden Semester werden wir dann wohl ganz auf Onlineangebote wechseln, denn wir haben festgestellt, dass sich viele mit dem Wegfall des 9-Euro-Tickets die Anfahrt zu uns nicht mehr leisten können."

Mihai wollte einem Menschen helfen, mittlerweile konnte das Team der Mainzer Sprachbrücke rund 160 Ukrainerinnen und Ukrainer erreichen. "Das Projekt hat eine gewisse Eigendynamik entwickelt", kommentiert sie lächelnd. Nicht alles funktionierte sofort. Manche ihrer Kontaktversuche verliefen im Sande: "Ich habe 75 Mails an Kirchengemeinden geschickt, aber nie eine Antwort bekommen. Ich frage mich bis heute, warum." Andere antworteten schnell und halfen: "Stefan Schenkelberg von der Flüchtlingskoordination der Stadt Mainz hat uns 30 Lehrwerke für unsere Kurse zur Verfügung gestellt."

"Der Sommer war geschäftig"

Am 17. August besuchten JGU-Präsident Prof. Dr. Georg Krausch und der damalige Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling die Mainzer Sprachbrücke. "Es war super spannend, sie zu treffen. Beide waren total offen und haben viel von ihren eigenen Erfahrungen gesprochen. Sie gaben uns das Gefühl, dass wir etwas tun, das nicht selbstverständlich ist. Sie meinten: Ihr unterstützt Menschen, ohne etwas dafür zu verlangen, und eure Hilfe kommt wirklich an." Bald berichtete auch die Allgemeine Zeitung Mainz über das Projekt und der SWR drehte einen Beitrag zur Sprachbrücke. Noch mehr Menschen wurden aufmerksam.

"Was ich getan habe, kann eigentlich jeder machen", meint Mihai. Tatsächlich hält die 25-Jährige eine Initiative am Laufen, die ihresgleichen sucht. Sie erlebte Durststrecken, musste sich mitunter üble Kommentare anhören, hat sich jedoch durchgesetzt und mit ihrem Team viel Anerkennung geerntet. Dahinter muss ein gewaltiger Berg an Arbeit stecken.

Darauf angesprochen, meint sie nur: "Ja der Sommer war geschäftig, aber ich mag keine Langeweile." Und hat das eigene Studium nicht unter ihrem Engagement gelitten? Mihai schüttelt den Kopf. "Mein Studium stand immer an erster Stelle. Die Sprachbrücke kann zwischendurch auch mal eine Woche ohne mich auskommen." Kurz überlegt sie, dann fügt sie hinzu. "Wir werden weitermachen, bis wir nicht mehr gebraucht werden." Ein Ende ist kaum abzusehen – und helfende Hände sind weiter willkommen.