13. Mai 2026
Wodurch wurde und wird queeres Leben bestimmt? Gibt es nach Jahrhunderten der Verfolgung heute eine flächendeckende Emanzipation? Inwiefern hat sich die Sichtbarkeit queerer Personen verändert? Diesen und ähnlichen Fragen sind 38 Studierende aus fünf Ländern nachgegangen – im Projekt "Queer Life. Between Persecution and Emancipation", organisiert vom Career Service der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in Zusammenarbeit mit dem Mainzer Haus des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz.
Er habe in der abschließenden Projektwoche die Sonne in Mainz sehr genossen, berichtet Marcus Elias Olsen, habe leckeres Eis gegessen und bei einer historischen Führung die schönsten Ecken der Stadt erkundet. Der 24-jährige Norweger, der an der Universität Agder in Kristiansand Kommunikation studiert, ist einer der Studierenden, die an diesem Nachmittag ihre Arbeiten zum Thema "Queer Life. Between Persecution and Emancipation" im Haus des Erinnerns in der Mainzer Innenstadt vorstellen. Ein halbes Jahr lang haben er und 20 weitere Studierende der europäischen FORTHEM-Allianz Texte und Charts, ein interaktives Videospiel und einen Film, Memory-Karten und vieles mehr erarbeitet, das sie nun in Mainz in einer kleinen Ausstellung und in einem Workshop präsentieren.

Anders als bei den meisten anderen Teilnehmenden lag Olsens Projektbeitrag – eine gut zehnminütige Film-Doku über und mit Esben Esther Pirelli Benestad, die wohl bekannteste Transperson in Norwegen – schon vor der Abschlusswoche in Mainz fertig vor. In "Esben Esther. Through Shame & Pride" lässt er die 76-Jährige selbst über ihr Leben erzählen, in dem sie sich seit den 1980er-Jahren auch öffentlich und oftmals gegen massive Widerstände für die Rechte und die Sichtbarkeit von Transpersonen eingesetzt hat – als Medizinerin und Sexologin, aber auch in vielen künstlerischen Ausdrucksformen.

"Thema nicht nur von der negativen Seite angehen"
"Vielleicht kann man sagen, Queere sind so etwas wie die Kanarienvögel der Kultur", sagt Esben Esther in Olsens Film mit einem Verweis auf ein altes Frühwarnsystem von Bergleuten. Wenn diese Vögel in Bergwerken unter Tage den Gesang einstellten, bedeutete es, dass die Kumpel so schnell wie möglich das Bergwerk verlassen mussten, weil es zu wenig Luft zum Atmen gab. Offene, queere Menschen hingegen stünden dafür, dass der Kanarienvogel singe.
Dieses Bild sei bei ihr hängengeblieben, meint Franziska Hendrich, die das Projekt für das Mainzer Haus des Erinnerns koordiniert. Ein Bild, das auch zum Ansatz passt, der dem gesamten Projekt zugrunde liegt. "Auch wenn es leider sehr präsent ist, dass der Hass auf Queere zunimmt, wollten wir das Thema nicht nur von der negativen Seite angehen." Schon 2023 sei Thomas Kording vom Career Service der JGU erstmals mit der Idee auf sie zugekommen. Bei einer ersten Ankündigung des Projekts sei schon die schiere Zahl der Interessensbekundungen überwältigend gewesen, erinnern sich beide übereinstimmend.
Als "bisher größtes Service-Learning-Projekt" des Career Service bezeichnet Kording "Queer Life". Und als gutes Beispiel dafür, wofür die europäische Hochschulallianz FORTHEM mit ihren insgesamt neun Partnern stehe, nämlich die gemeinsame Förderung grenz- und sprachüberschreitender Mobilität, von Austausch sowie interdisziplinärer und internationaler Teamarbeit. Ein eigenes Projekt mit praktischer Relevanz selbstverantwortlich im Team auf die Beine zu stellen und ehrenamtlich umzusetzen, ist eines der Kernziele.

Die Abschlusswoche mit gemeinsamem Aufenthalt in Mainz ist dabei der Höhepunkt für alle Beteiligten und anders als Marcus Elias Olsen haben einige von ihnen noch jede Menge zu tun, um ihre Ergebnisse erst im Haus des Erinnerns öffentlich präsentieren und dann am kommenden Tag mit Interessierten in einem Workshop vertiefen zu können.
100 Jahre queeres Leben in Spanien
Vier Schwerpunkte hätten sich im Zuge des Projekts herausgebildet, erläutert Kording. Zum einen sei das der Blick auf die Entwicklung länderspezifischer Verhältnisse für die LGBTIQ+-Community und -Personen in gesellschaftlicher, politischer und juristischer Hinsicht, zum zweiten die Betrachtung queerer Biografien unter dem Oberbegriff "Voices". Außerdem gehe es um die Untersuchung kultureller Phänomene wie queerer Mode, Symbole, Literatur und Publikationen sowie nicht zuletzt um die gemeinsame Umsetzung dieser Themen für die Präsentation.

Einen Komplettüberblick über queeres Leben im Spanien der vergangenen rund 100 Jahre liefern neun Studierende der Universität Valencia, die in Mainz neben den JGU-Teilnehmenden die größte Gruppe stellen. Geringe Sichtbarkeit und starke Stigmatisierung vor der Franco-Ära gingen dann während der fast 40-jährigen autoritären Diktatur unter General Francisco Franco über in Repression und staatliche Verfolgung; sexuelle Orientierung sei unter der katholisch geprägten ultranationalistischen und autoritären Regierung Thema für staatliche Eingriffe geworden. Erst nach dem Ende des Regimes 1975 habe sich die Lage – auch juristisch – in einer Übergangsphase langsam entspannt, ab 1982 durch rechtliche Fortschritte wie die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe und den Erlass von Gesetzen zur geschlechtlichen Selbstbestimmung verbessert. Wesentliche Rollen beim Kampf um Gleichstellung, Anerkennung und Sichtbarkeit haben dabei auch Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur gespielt, darunter Kultregisseur Pedro Almodóvar oder schon viele Jahre vor ihm Autor Federico García Lorca.

Mittlerweile, so ist Carlos Mascarell Moliner überzeugt, sei das queere Leben in Spanien "mit am besten auf der Welt". Der 24-Jährige, der gerade sein Englischstudium abgeschlossen hat und nun in weiteren Sprachen, darunter Italienisch und Japanisch, seinen Master angeht, hat für die "Voices" ein kleines Videospiel entwickelt. Darin geht es um den Lebensweg der ersten Dragqueen in Japan, Miwa Akihiro, Jahrgang 1935. In ihrer Geschichte gibt es mehrere Abzweigungen, zwischen denen im Videospiel gewählt werden kann, sodass der Fortgang der Handlung von der Entscheidung der Spielenden abhängt. Weitere außereuropäische queere Biografien, die bei "Queer Life" Thema sind, behandeln Georgina Beyer, 1995 erste Transgender-Bürgermeisterin in Neuseeland und 1999 erste Transgender-Parlamentsabgeordnete weltweit. Oder auch den ersten offen homosexuell lebenden muslimischen Imam, Muhsin Hendricks, der im Februar 2025 in Südafrika erschossen wurde.
"Die Leute glauben die Lügen der Regierung"
Auf Osteuropa richtet sich der Blick von Benjamin Golletz und Nazar Strakh, die beide an der Universität Opole in Polen studieren. Während sich im ehemaligen Ostblock die Situation queerer Menschen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunächst verbessert hatte, sei sie mittlerweile vor allem in Belarus und in Russland die "wahrscheinlich schrecklichste jemals", so der 18-jährige Strakh, der in Belarus aufgewachsen ist und gerade sein Studium in Opole begonnen hat. "Die Leute glauben die Lügen, die ihnen die Regierung über LGBTIQ+ erzählt."

Neben einem aktuellen Memory über "Queer Life" in Mainz haben sich die neun JGU-Teilnehmer*innen vor allem Historischem gewidmet, nach lesbischer Liebe in der Region seit Beginn des 20. Jahrhunderts geforscht und queere Biografien in der Pfalz nachgezeichnet, die häufig nur in Ansätzen bekannt waren. So beschäftigten sie sich mit dem Schifferstädter Bürgermeister Walther Braun, Jahrgang 1883, und dem Landauer Schuldirektor Carl-Friedrich Müller-Palleske, Jahrgang 1850, die beide nach dem bis 1994 geltenden Homosexuellen-Paragrafen 175 verfolgt wurden. Aber auch ganz aktuelle Stimmen haben sie aufgezeichnet, darunter ein Interview mit einer Aktivistin aus der Region, die über nicht nur juristische Probleme und Herausforderungen queerer Elternschaft spricht.
Es sei doch immer wieder erstaunlich, was alles an der Universität zu solchen Themen passiere, und sehr erfreulich, wenn das dann auch den Weg in die Stadt finde, betont Oliver Bördner, Leiter der Koordinierungsstelle zur Gleichstellung von LSBTIQ+ in Mainz, während der Präsentation im Haus des Erinnerns. Die Resultate dieser ehrenamtlichen Arbeit sollen nun im Haus des Erinnerns auch dokumentiert werden.
Zum Abschluss der Präsentation wird dann Marcus Elias Olsens Film über Esben Esther gezeigt – und von den gut 50 Anwesenden begeistert aufgenommen. Und so ist es denn am Ende auch für ihn erklärtermaßen "doch etwas anderes als Sonne und Eis, was mir von diesen Tagen in Mainz in Erinnerung bleiben wird."

Text: Werner Wenzel
