Schriftzeichen in Wachs – oder der Zahn der Zeit

19. Januar 2026

Vor einem Jahr musste Prof. Dr. Markus Scholz, Provinzialrömischer Archäologe und Inschriftenexperte an der Goethe-Universität Frankfurt, viele Medienanfragen beantworten: Die Entzifferung der "Frankfurter Silberinschrift" durch ihn und sein Team stieß weltweit auf riesiges Interesse. Damit war der Beweis erbracht, dass Menschen nördlich der Alpen schon im 3. Jahrhundert an Jesus Christus glaubten. Jetzt kam Scholz' wissenschaftliche Ausdauer und Expertise einer weiteren Entzifferung zugute: Gemeinsam mit Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf, Emeritus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, konnte er Schrift identifizieren, die sich auf den hölzernen Überresten römischer Wachstäfelchen – gefunden im belgischen Tongeren – erhalten hatte.

Tongeren gilt als älteste Stadt Belgiens. In der Provinz Limburg im Osten des Landes gelegen, geht Tongeren auf die römische Siedlung Atuatuca Tungrorum zurück, die vermutlich im Jahr 451 durch die Hunnen zerstört wurde. Bis heute werden dort immer wieder Relikte aus römischer Zeit gefunden. Schon in den 1930er-Jahren wurde eine größere Menge von Holzstücken ausgegraben, die man leicht für Reste von Brettern oder Kisten hätte halten können. Tatsächlich handelt es sich jedoch um die hölzernen Überreste römischer Wachstäfelchen. Diese dienten als Basis und Rahmen für eine millimeterdünne Wachsschicht, die wiederum für alle möglichen Zwecke als Schriftträger genutzt wurde. Die mit einem Griffel ins Wachs gedrückten Buchstaben hinterließen nicht selten auch Spuren auf dem hölzernen Untergrund – und die galt es nun zu entschlüsseln. Das Wachs selbst ist nach so langer Zeit nicht mehr erhalten und schon in den 1930er-Jahren war man davon ausgegangen, dass keine Schriftreste vorhanden seien. Darüber gerieten die Funde in Vergessenheit und wurden erst 2020 von Else Hartoch, Leiterin des Gallo-Romains Museum Tongeren, gewissermaßen wiederentdeckt.


Dieses hölzerne Schreibtäfelchen – hier die Vorderseite – stammt aus der römischen Siedlung Atuatuca Tungrorum, der heutigen Stadt Tongeren in der Provinz Limburg im Osten Belgiens. Das Täfelchen wurde auf der Vorder- und Rückseite zweimal beschrieben. (© Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon)
Dieses hölzerne Schreibtäfelchen – hier die Vorderseite – stammt aus der römischen Siedlung Atuatuca Tungrorum, der heutigen Stadt Tongeren in der Provinz Limburg im Osten Belgiens. Das Täfelchen wurde auf der Vorder- und Rückseite zweimal beschrieben. (© Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon)

Entzifferung schwieriger als bei Silberinschrift

Hartoch wusste, an wen sie sich mit dieser Aufgabe wenden konnte und kontaktierte Prof. Dr. Markus Scholz, der sich mitten in der Coronapandemie ans Werk machte. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf, der von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 als Professor für Klassische Philologie an der JGU tätig war, konnten tatsächlich so einige interessante Informationen zutage befördert werden. Verglichen mit dem Entziffern der Frankfurter Silberinschrift war dies im Falle der hölzernen Wachstäfelchen allerdings eine ungleich härtere Nuss: "Das Holz, das ja auch über eine eigene Maserung verfügt, war komplett ausgetrocknet. Es war sehr schwierig zu erkennen, welche Kerben tatsächlich zu einem Schriftzeichen gehörten und nicht einfach Rillen im Holz oder Trockenheitsschäden waren", erklärt Scholz. "Das waren schon größere Hürden als beim Amulett aus Nida, zumal die Täfelchen teilweise wiederbeschriftet worden waren und verschiedene Palimpseste übereinanderliegen", so der Archäologe weiter.

Die insgesamt 85 Fragmente stammten aus zwei unterschiedlichen Fundorten: aus einem Brunnen nahe des Forums und der öffentlichen Gebäude sowie aus einer gewöhnlichen Matschmulde. Die Fragmente im Brunnen waren offensichtlich bewusst ausrangiert, zerstört und im Brunnen versenkt worden, damit niemand mehr die Informationen darauf lesen konnte – vielleicht ein Ausdruck antiken Datenschutzes. Wie Markus Scholz und Jürgen Blänsdorf herausgefunden haben, handelt es sich bei vielen dieser Dokumente um Verträge und offizielle Mitschriften. "Bei Verträgen hat der Schreiber absichtlich mit viel Druck gearbeitet, damit der Text bis zum Holz eingeprägt war", erläutert Scholz. Bei der zweiten Fundstelle handelte es sich um eine Matschmulde, die offenbar mit den nicht mehr brauchbaren Holztäfelchen und anderem Abfall trockengelegt werden sollte. Hier fanden sich auch Textsorten wie Abschriften für Behörden oder Schreibübungen von Schülern, was meist die letzte Verwendung der schon gebrauchten Täfelchen darstellte, aber auch der Entwurf einer Inschrift für eine Statue des späteren Kaisers Caracalla aus dem Jahr 207 n. Chr.


Von beiden Text-Phasen auf der Vorderseite und der hier abgebildeten Rückseite des Schreibtäfelchens sind nur Ausschnitte erhalten, soweit sich eben die Spitze des eisernen Griffels – stilus – durch die Wachsschicht ins Holz durchgedrückt hatte. Der ältere Text erwähnt lictores, also Leibgarden und Amtsdiener. Im jüngeren Text geht es um einen Rechtsakt, vermutlich um die Entfernung bestimmter Siegel. (© Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon)
Von beiden Text-Phasen auf der Vorderseite und der hier abgebildeten Rückseite des Schreibtäfelchens sind nur Ausschnitte erhalten, soweit sich eben die Spitze des eisernen Griffels – stilus – durch die Wachsschicht ins Holz durchgedrückt hatte. Der ältere Text erwähnt lictores, also Leibgarden und Amtsdiener. Im jüngeren Text geht es um einen Rechtsakt, vermutlich um die Entfernung bestimmter Siegel. (© Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon)

Dies herauszufinden, sei ein wirklich mühseliger Prozess gewesen, berichtet Scholz. Trotz modernster Visualisierungstechnik wie dem computergestützten Reflectance Transformation Imaging, kurz RTI, ging es stellenweise nur sehr langsam voran. "Wir mussten uns dann trotz Corona auch persönlich treffen und wiederholt an den Originalen studieren – selbstverständlich mit Atemschutzmaske", erinnert sich Scholz. Jeder trug vor, was er für sich herausgefunden hatte, gemeinsam ergaben sich dann noch weitere Erkenntnisse.

Belege für hohe Ämter und kulturelle Vielfalt

Nur auf etwa der Hälfte der 85 Stücke sind tatsächlich Schriftreste nachzuweisen. Dafür hatten die entschlüsselten Buchstaben, Wörter und Namen einigen Neuigkeitswert. So fanden die Forscher Belege dafür, dass bestimmte politische Ämter auch in der Provinz vergeben waren: Auf den Schreibtafeln wurde ein Decemvir erwähnt, ein hoher Magistratsposten, oder auch Liktoren, Leibdiener hoher Staats- oder auch Kommunalbeamter, die in den nördlichen Provinzen des Römischen Reichs bislang sehr selten bezeugt sind. Auch über die Bewohnerschaft der Region geben die Tafeln Auskunft: Zum Beispiel waren unter ihnen solche, die nach dem Militärdienst bei den Römern in Tongeren ansässig wurden, andere hatten in der Rheinflotte gedient. Neuigkeitswert haben auch die vielen Namen, die auf den Täfelchen nachgewiesen wurden und die auf eine multikulturelle Gesellschaft hinweisen: Hier finden sich Namen keltischen, römischen und germanischen Ursprungs, von denen einige bislang nirgends sonst nachgewiesen sind.


Auf diesem im heutigen Tongeren gefundenen Bruchstück eines hölzernen Schreibtäfelchens haben Prof. Dr. Markus Scholz von der Goethe-Universität Frankfurt und Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf, Emeritus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Erwähnung ehrenvoll entlassener Flottensoldaten entdeckt. (© Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon)
Auf diesem im heutigen Tongeren gefundenen Bruchstück eines hölzernen Schreibtäfelchens haben Prof. Dr. Markus Scholz von der Goethe-Universität Frankfurt und Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf, Emeritus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Erwähnung ehrenvoll entlassener Flottensoldaten entdeckt. (© Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon)

Für Markus Scholz war diese Arbeit nicht weniger reizvoll als die am vielbeachteten Amulett aus dem römischen Nida im heutigen Frankfurter Stadtteil Heddernheim. Auch wenn die Überreste der römischen Wachstäfelchen eher unspektakulär, die Inschriften für sich genommen weniger sensationell sind, so hat die Entzifferung die archäologische und althistorische Forschung dennoch enorm bereichert – und zugleich ein weiteres Kapitel erfolgreicher Wissenschaftskooperation im Verbund der Rhein-Main-Universitäten (JGU) geschrieben.

Text: Anke Sauter