Vom Hörsaal auf die Leinwand: Sebastian Seiffert in "Das Gewicht der Welt"

6. April 2026

Der Mainzer Chemie-Professor Sebastian Seiffert setzt sich seit vielen Jahren für die Vermittlung von Wissen rund um den Klimawandel ein. In wenigen Wochen feiert der Dokumentarfilm "Das Gewicht der Welt" Premiere, der ihn und zwei weitere Protagonistinnen über gut zwei Jahre begleitet. Preview in Mainz ist am 27. April 2026 – mit einem Kontingent an Freikarten für Studierende der JGU.

Der Harz mit seiner atemberaubenden und doch vom Klimawandel geschundenen Natur ist weit entfernt von Mainz. Auf den Wanderwegen durch das Mittelgebirge im Dreieck von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind dennoch wichtige Szenen des Dokumentarfilms "Das Gewicht der Welt" entstanden. "Dort sind nicht nur die Klimaauswirkungen schon heute unübersehbar," berichtet Prof. Dr. Sebastian Seiffert, Professor für Physikalische Chemie der Polymere an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), "sondern im Harz konnte das Filmteam etwas aufnehmen, das man im Studio nicht bekommt – das Denken und den Dialog in Bewegung. Deshalb tragen die Szenen auf den Wegen im Harz mindestens so sehr wie die Einstellungen im Hörsaal."


Prof. Dr. Sebastian Seiffert war für den Film "Das Gewicht der Welt" mit dem Drehteam in seiner Heimat im Harz unterwegs. (© mindjazz pictures)
Prof. Dr. Sebastian Seiffert war für den Film "Das Gewicht der Welt" mit dem Drehteam in seiner Heimat im Harz unterwegs. (© mindjazz pictures)

Aus dem Hörsaal auf die Leinwand

Prof. Dr. Sebastian Seiffert ist einer drei Protagonisten des Dokumentarfilms über Klimawandel und Wissenschaft von Florian Heinzen-Ziob, der am 7. Mai 2026 in die deutschen Kinos kommt. Außerdem begleitet der Film Biologin Dr. Nana-Maria Grüning und Glaziologin Dr. Maria Hörhold. Aber wie kommt ein Mainzer Universitätsprofessor für Physikalische Chemie, der unter anderem an thermisch schaltbaren Polymergelen für die Wasserentsalzung forscht, in einen Dokumentarfilm über die Herausforderungen des Klimawandels? Das Projekt nahm seinen ganz unscheinbaren Anfang vor etwa drei Jahren, als Filmemacher Heinzen-Ziob einfach per E-Mail bei Seiffert nachfragte, ob er sich eine Mitwirkung an diesem Projekt vorstellen könne.

Aufmerksam geworden war der Regisseur auf den 2016 an die JGU berufenen Professor über dessen öffentliche Positionierung in der Klimadebatte. Bereits 2019 nahm Seiffert beispielsweise an den „Lectures for Future“ teil und erklärte Klimawandel aus physikochemischer Perspektive. Er erinnert sich an seine damalige Recherche: „Das war ein Schockmoment, damals ist der Klimagroschen endgültig bei mir gefallen“. Im Jahr 2023 schließlich trafen sich Wissenschaftler und Filmemacher zum ersten Gespräch. Geplant war ein kurzer Austausch, doch sie saßen fast fünf Stunden zusammen. Die Entscheidung hingegen, als Naturwissenschaftlicher an dem Projekt mitzuwirken, fiel dann sehr schnell: Der Mainzer Professor würde sich für den Film über mehrere Monate hinweg begleiten lassen.

Die Frage nach der Wirklichkeit

Der Film arbeitet mit einer gekonnten Montage zwischen ruhigen und actionreichen Szenen, zwischen Reflexion, Vorlesung und Protest. Er bringt eines der wichtigsten Themen unserer Zeit aus verschiedenen Perspektiven auf den Punkt. Im Fokus steht dabei stets die Rolle der Wissenschaft. Eine der ersten Einstellungen zeigt daher auch Seifferts Grundvorlesung Physikalische Chemie auf dem Gutenberg-Campus. "Die erste Vorlesungsstunde wurde insgesamt dreimal gefilmt", erinnert sich der Professor mit einem Lächeln im Gesicht. Der Anspruch des Filmteams war dabei nicht, eine bestimmte Szene perfekt einzufangen, sondern den Austausch mit den Studierenden möglichst vielfältig zu zeigen.


Sebastian Seiffert ist seit 2016 Professor für Physikalische Chemie der Polymere an der JGU und engagiert sich seit vielen Jahren für die Vermittlung von Wissen rund um den Klimawandel. (© mindjazz pictures)
Sebastian Seiffert ist seit 2016 Professor für Physikalische Chemie der Polymere an der JGU und engagiert sich seit vielen Jahren für die Vermittlung von Wissen rund um den Klimawandel. (© mindjazz pictures)

Das Ergebnis überzeugte Seiffert: "Man bekommt das Gefühl, dass man selbst im Hörsaal sitzt." Und auf inhaltlicher Ebene wird an dieser Stelle deutlich, was Wissenschaft leisten kann in einer Ära von Halbwissen, Meinungen und Kommunikationsblasen: Wissenschaft arbeitet mit Modellen, die einen Gültigkeitsbereich und Grenzen haben. Sie zeigt den Weg zur messbaren Realität und zu einer niemals allmächtigen, aber auch nie beliebigen Erkenntnis.

Für Sebastian Seiffert ist das wichtigste Ziel seiner Kommunikation zum Klimawandel, Menschen zu erreichen. Das gelte auch innerhalb der naturwissenschaftlichen Community, betont der Professor: "Wir sind in der Pflicht zu zeigen, wie Wissenschaft funktioniert und so das Vertrauen in den Erkenntnisprozess zu stärken. Deshalb empfehle ich Kolleginnen und Kollegen, sich öffentlich zu positionieren."

Krise des gesellschaftlichen Klimas

Nicht nur das physikalische Klima sieht Seiffert in einer Krise, auch das gesellschaftliche Klima ist bedroht. Zu lange hätten zu viele Menschen geglaubt, dass sich Probleme wie der Klimawandel lösen lassen, wenn es nur möglichst umfassenden Zugang zu wissenschaftlichen Informationen gebe. Heute aber lebten wir in einem Zeitalter des oft harten Aufeinanderprallens von Information und Falschinformation. Und diese Mechanismen seien nur schwer aufzubrechen. Denn wer einmal in eine Desinformationsspirale gerate, der vertraue der eigenen Blase so, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihren validierten Informationen vertrauen – auch außerhalb des eigenen Fachgebiets.

Seiffert nutzte die langen Gespräche und Interviews während der Filmproduktion auch, um seinen eigenen Antrieb zu verorten. Sein Einsatz gegen den Klimawandel ist für ihn eine grundsätzliche Entscheidung. Kein Handeln in der Hoffnung auf eine konkrete Lösung, sondern etwas, das aus Verantwortung für Menschheit und Planet getan werden muss. Er vergleicht diese Haltung mit der Notfallmedizin: "Ärztinnen und Ärzte fangen sofort an zu handeln. Nicht, weil der Ausgang ihrer Arbeit sicher ist, sondern weil es geboten ist."

Wie ein Film entsteht

Die Filmproduktion war eine intensive Erfahrung für Sebastian Seiffert. "Das Team arbeitete nicht wie eine schnelle Fernsehproduktion, sondern hat sich sehr viel Zeit genommen." Kein medialer Sprint also, sondern eine lange Wanderung – bis am Ende 95 intensive Filmminuten zusammengekommen sind. Das Publikum erlebt nur diese kondensierte und klug komponierte Abfolge von Szenen. Doch dahinter stecken auch manche Tage mit stundenlangen Drehs, ohne dass später etwas davon im Film landete. Und dann wieder, berichtet Sebastian Seiffert, gab es kurze Momente mit einzigartiger Lichtstimmung, die für unglaublich starke, eindrucksvolle Bilder sorgten.

Interessant für den JGU-Professor war auch das Zusammentreffen mit den beiden weiteren Protagonistinnen. Kennengelernt haben sich Seiffert, Grüning und Hörhold erst nach Abschluss der Dreharbeiten bei exklusiven Screenings der ersten Fassungen des Films. Bei der Preview im Capitol am 27. April und auch in den kommenden Monaten werden sie sich wohl häufiger sehen. Denn "Das Gewicht der Welt" geht auf Kinotour, begleitet von Gesprächen mit den Forschenden. Dass er sich dafür Freiräume schafft, war für Seiffert selbstverständlich: "Der Austausch mit dem Publikum steht für das, was der Film zeigt: Wissenschaft darf nicht im Hörsaal bleiben, wenn die Welt draußen in einer solchen Krise steckt."


© mindjazz pictures