29. August 2026
Die indische Sportart Kho Kho verlangt Tempo und Taktik – und gehört seit wenigen Semestern zum Programm des Allgemeinen Hochschulsports der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Auf den Gutenberg-Campus gebracht wurde die hierzulande noch recht exotische Sportart durch die beiden Sportwissenschaftsstudenten Levin Weckenmann und Niklas Gebhardt, die Anfang 2025 bei der ersten Kho-Kho-Weltmeisterschaft in Neu-Delhi für das deutsche Nationalteam auf dem Feld standen.
Beim WM-Spiel gegen Kenia hatte das deutsche Team noch keinen Punkt gemacht, da setzte Niklas Gebhardt zum sogenannten Sky Dive an. "Das ist im Kho Kho eine besondere Art des Fangens", erklärt der Student. "Man springt ab und versucht, den Gegner noch in der Luft zu berühren." Der deutschen Mannschaft bescherte sein Sprung den ersehnten ersten Punkt und Gebhardt "einfach einen coolen Moment, ein echtes Highlight bei der WM". Und das in einer Sportart, deren Regeln er gerade erst gelernt hatte.

Mittlerweile kennt Gebhardt die Regeln in- und auswendig. "Kho Kho ist wie ein komplexes Fangspiel, das mit plumpem Hinterherrennen und Abklatschen wenig zu tun hat", so der Student der Sportwissenschaft an der JGU. Bei der indischen Traditionssportart treten zwei Teams gegeneinander an: Eine Mannschaft jagt, die andere versucht, möglichst lange nicht gefangen zu werden. Wer jagt, muss bestimmte Regeln beachten und Mitspielende geschickt ins Spiel bringen. "Dadurch entsteht ein schnelles Spiel mit kurzen Sprints, plötzlichen Richtungswechseln und viel Taktik", erklärt Gebhardt. "Man muss mit Köpfchen vorgehen und strategisch denken, um keine Zeit zu verlieren."
Grasflecken, Muskelkater und viel Spaß
Mit seinem Kommilitonen und WM-Mitstreiter Levin Weckenmann leitet Gebhardt seit drei Semestern einen Kho-Kho-Kurs im Allgemeinen Hochschulsport der JGU. Auf einer Wiese beim Sportzentrum bietet die Sportart ein zunächst ungewohntes Bild: Die Spielerinnen und Spieler sitzen in einer Reihe am Boden, einzelne springen auf, rennen los und weichen einander aus. An den Enden des Spielfelds markieren Stangen die Wendepunkte, um die die Spielenden herumlaufen müssen. Dabei wechseln sie ständig die Richtung und rufen sich "Kho!" und andere Kommandos zu.
"Man muss schnell sein, dabei aber auch nachdenken", erklärt Levin Weckenmann, der wie Gebhardt im sechsten Semester Sportwissenschaft studiert. "Es gibt Regeln, Taktiken und viele Richtungswechsel." Dennoch geht es beim Training weniger um Wettkampf als ums Ausprobieren. "Wir wollen einfach Spaß haben beim Spielen und es wird viel gelacht", so Weckenmann. "Man kommt auf jeden Fall mal mit Grasflecken auf der Hose nach Hause und bekommt anfangs Muskelkater, weil die Belastung doch ungewohnt ist."

Von Kho Kho hatten Gebhardt und Weckenmann im vergangenen Jahr eher zufällig von einer befreundeten Sportlerin erfahren. Diese erzählte, dass die neu gegründete deutsche Kho-Kho-Nationalmannschaft noch Mitspielerinnen und Mitspieler suchte. "Kho Kho sagte mir überhaupt nichts", erzählt Weckenmann, der seit seiner Kindheit mit Gebhardt im selben Fußballverein spielte. "Und dann gleich zur WM. Zuerst dachte ich, dass Niklas da einen Spaß macht." Trotzdem sagten die beiden zu. "Es klang einfach nach einer einmaligen Chance, so etwas zu erleben", erinnert sich Gebhardt.
Lichtshow, Nationalhymnen und Livestream
Bis zur WM in Neu-Delhi blieben nur wenige Wochen, gerade noch Zeit, um sich mit den Regeln des Sports vertraut zu machen. Kurz vor dem Flug nach Indien ging es für die beiden zu einem zweitägigen Trainingslager nach Berlin. Bei der WM in Indien lernten die Studierenden Kho Kho dann erstmals auf dem professionellen Niveau eines Landes kennen, in dem die Sportart eine lange Tradition hat. Gespielt wurde in einer Halle mit Rängen für rund 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, auf speziellen Matten und mit festen Markierungen.

"Die Poles waren fest im Boden verankert, sodass man sich beim Richtungswechsel richtig festhalten und daran herumschwingen konnte", erzählt Levin Weckenmann. Für besseren Halt trugen die Spieler Wrestling-Schuhe und auch die Kleidung war anders als erwartet. "Wir bekamen Trikots und sehr kurze Hosen und dachten erst: Haben die uns die in XS gegeben?" Doch weil bei Kho Kho auch Kleidungsstoff als Trefferfläche gilt, boten die kurzen Hosen weniger Angriffsfläche.
So erlebten die beiden Mainzer Studenten eine bislang unbekannte Sportart auf WM-Niveau – mit Lichtshow, Nationalhymnen und YouTube-Livestream. Und als Gebhardt im Kenia-Spiel Einwand gegen eine Entscheidung einlegte, wurde per Videobeweis überprüft, ob er wirklich gefangen worden war. "Mehrere Schiedsrichter sahen sich die Szene sehr lange an, während das Spiel pausierte", erinnert er sich. Am Ende entschieden sie, dass er nicht gefangen worden war und also weiterspielen durfte. "Da fühlt man sich natürlich schon ein klein bisschen professionell."

Plötzlich Nationalspieler: Zwei Mainzer Studenten bei der Kho Kho-WM (Link zur ARD-Mediathek)
Aikido, Rollstuhlrugby und Eltern-Kind-Turnen
"Rein spielerisch haben wir aber recht schnell gemerkt, dass wir deutlich unterlegen sind", so Weckenmann. "Viele erfahrenere Teams agierten viel schneller, präziser und routinierter als wir." Nach vier Spielen in der Vorrunde schied das deutsche Team aus. "Trotzdem hatten wir die Zeit unseres Lebens", betont Gebhardt.
Zurück in Mainz wollten sie die Freude an der hierzulande noch exotischen Sportart weitergeben und boten AHS-Leiter Dr. Patrick Hegen an, einen Kurs zu leiten. Für ihn passte Kho Kho gut zum Selbstverständnis des AHS. "Denn gerade der Hochschulsport ist ja für solche nischigen Angebote konzipiert", erklärt Hegen. "Wir wollen neben Klassikern wie Fußball, Basketball oder Body-Fit – der früheren Skigymnastik – auch Disziplinen anbieten, die anderswo vielleicht schwieriger zu finden und auszuprobieren sind." Hegen selbst entdeckte vor einigen Jahren das Tauchen, das am AHS niedrigschwellig angeboten wird. "Ich weiß nicht, ob ich sonst je in meinem Leben einen Tauchschein gemacht hätte."
Mit derzeit mehr als 80 Indoor- und Outdoor-Sportarten bietet der AHS etwas für jeden Geschmack seiner Mitarbeitenden und Studierenden: von der japanischen Kampfkunst Aikido über Eltern-Kind-Turnen und Fallschirmspringen bis hin zu Jonglieren, Rollstuhlrugby und Wasserspringen. Pro Woche treiben auf den Anlagen des AHS und seiner Partner etwa 10.000 bis 12.000 Menschen Sport, wagen ihren ersten Motorflug, üben sich in Sportmassage oder lernen Tango Argentino.

Fitnessstudio statt Fußballverein
Das Programm wird laufend erneuert. Damit passt sich der AHS auch veränderten Sportbiografien an. "Früher kamen viele Studierende aus klassischen Vereinsstrukturen, also aus Mannschafts- oder Individualsportarten, die sie lange weiter betrieben", erklärt Hegen. Heute spielten Fitnessstudio, Krafttraining und Sport ohne Wettkampf für viele Studierende eine größere Rolle. Entsprechend ist die Nachfrage nach Yoga, Zumba und Fitnessangeboten beim AHS hoch; ab Herbst 2026 soll ein neu eingerichtetes Fitnessstudio auf dem Campus das Angebot ergänzen.
Grundsätzlich prüfen die Verantwortlichen des AHS bei neuen Angeboten, ob sie personell, räumlich und organisatorisch machbar sind. "Neue Kurse werden erst einmal ausprobiert", erklärt Hegen. "Manche brauchen ein wenig Zeit, bis sie sich herumsprechen. Werden sie nicht angenommen, verschwinden sie wieder aus dem Programm." Ein Engpass sind oft die Sportstätten. Deshalb gilt bei Hallenkursen ein Richtwert: Mindestens zehn Personen sollten regelmäßig teilnehmen. Zum Kho-Kho-Kurs finden sich im Schnitt zehn bis zwölf Teilnehmende ein; im kommenden Semester soll die Sportart voraussichtlich in eine Halle wechseln. "Das soll das Training vor allem im Winter erleichtern", so Hegen.
Kursleiter Levin Weckenmann hat von der WM in Indien ein besonderes Souvenir mitgebracht. Im Spiel gegen Malaysia war er den gegnerischen Spielern besonders lange davongelaufen und deshalb als "Best Defender" ausgezeichnet worden. Neben vielen Fußball-Trophäen hängt deshalb nun eine Kho-Kho-Medaille aus Neu-Delhi in seinem Zimmer – gewonnen in einer Sportart, die in Mainz viele erst kennenlernen.
Text: Anja Burkel
